Verortung im Lehrplan
Der Rahmenlehrplan der EKBO für den Evangelischen Religionsunterricht in der Klassenstufe 5/6 bietet zwei Anknüpfungsstellen, um Hilfe für andere im Kontext christlichen Selbstverständnisses zu thematisieren. Unter der Leitfrage 2 (Nach dem Menschen fragen) kommt die mögliche Hilfsbedürftigkeit eines jeden und die Kompetenz, Hilfe für sich oder andere organisieren zu können, in den Blick. Unter der Leitfrage 4 (Nach Gestalten des Glaubens und Zeichen des Religiösen fragen) geht es z.B. anhand von historischen Beispielen um die Herausbildung einer christlichen Kultur der Barmherzigkeit. Hier bietet sich auch eine erste Auseinandersetzung mit der Gestalt Johann Hinrich Wicherns an.
Informationen und Materialien
Johann Hinrich Wichern – Kurze Biographie
Geboren wurde Wichern am 21.04. 2008 in Hamburg als Ältester einer liebevollen Familie mit 7 Geschwistern – ein Idealbild, das seine spätere Arbeit prägt. Unter französischer Besatzung – Wichern ist fünf Jahre alt – ist die Familie gezwungen, zeitweise in Umland zu fliehen. Wichern bekommt in dieser Zeit von seinem Vater das Lesen und Schreiben anhand von Bibelworten beigebracht; aber auch das Elend der Flüchtlinge in einem bitterkalten Winter, das er hier hautnah miterlebt, prägt ihn zeitlebens. Als Schüler tut sich Wichern nach der Rückkehr in Hamburg eher schwer.
Nach dem Tod des Vaters 1823 ist der fünfzehnjährige Wichern gezwungen, Geld zu verdienen und tut dies als Gehilfe in einer christlichen Erziehungsanstalt für Söhne wohlhabender Eltern, die von Johann Ludwig Emmanuel Pluns geleitet wird. Wichern merkt in dieser Zeit, dass er mit Menschen arbeiten und zugleich seinen christlichen Glauben bewusst leben möchte; daher beginnt er ab 1828 ein Theologiestudium in Göttingen und Berlin. Er schließt es 1832 ab und übernimmt in Hamburg die Leitung der Sonntagsschule in der Vorstadt St. Georg, Wohnort der Ärmsten der Stadt. Die Sonntagsschule richtet sich darum vor allem an diejenigen Kinder, die wegen der Armut ihrer Eltern die „normale“ Schule an Wochentagen nicht besuchen, sondern z.B. auf der Straße betteln. Neben dem Unterricht macht Wichern auch Hausbesuche. Das Elend, das er sieht, bringt ihn dazu, für die Gründung eines „Rettungshauses“ zu werben, das verwahrloste Kinder dauerhaft aufnehmen kann.
1833 ist es soweit: Wichern bekommt für sein Projekt eine baufällige Kate vor den Toren Hamburgs geschenkt, das sogenannte „Rauhe Haus“. Nach der offiziellen Gründung zieht Wichern als Vorsteher mit einigen Kindern ein, seine Mutter und Schwestern gleich mit. Nach seiner Heirat 1835 übernimmt seine Frau Amanda wie selbstverständlich – trotz später 8 eigener Kinder - die Aufgaben einer Hausmutter.
Dabei lebten die Kinder bewusst in kleinen, familienähnlichen Gruppen zusammen, auf ihre individuelle Persönlichkeit sollte geachtet werden – beides neue Ideen für die Fürsorgeerziehung der damaligen Zeit. Gleichzeitig achtete Wichern auf ein Gleichgewicht von Lernen, praktischer Arbeit im Haus und in angegliederten Werkstätten, aber auch von Zeit zum Spielen und wiederkehrenden Festen – in diesem Zusammenhang entstand auch der heute bekannte Adventskranz.
Zur Unterstützung zog Wichern zunehmend junge Männer, meist aus Handwerkerkreisen, als Gehilfen heran, die neben dem mit den Kindern erhielten sie eine religiöse und pädagogische Ausbildung erhielten und danach meist anderswo wirksam wurden. Mit diesen „Brüdern“ begründete Wichern einen neuen Berufsstand der Diakone. Wichern warb engagiert für seine Arbeit, baute einen Unterstützerkreis auf, hielt Vorträge und bereiste ganz Deutschland. Ein Höhepunkt seines Wirkens war seine Rede 1848 auf dem Kirchentag zu Wittenberg: Wichern fordert angesichts der sozialen Umbrüche und er Armut der Zeit das unter dem Stichwort „Die Liebe gehört mir wie der Glaube“ ein praktisches Eintreten der Kirche gegen die Not ebenso wie die Bemühung um Vermittlung des Glaubens. Später ist er entscheidender Organisator des neugegründeten „Central-Ausschusses für Innere Mission.“ Als Berater des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. nahm er auch Einfluss auf dessen Sozialpolitik.
Insbesondere ist auch die Reform der Gefängnisse Wichern ein Anliegen. Statt ehemaligen Soldaten und Massenunterkünften sollten speziell ausgebildete Diakone hier Dienst tun, die einzeln untergebrachte Häftlinge auch durch Gespräche zur Besserung bewegen sollen. Ein Versuch startete zuerst im Berliner Gefängnis Moabit; letztlich ist Wichern aber mit diesem Vorhaben gescheitert.
In Berlin entstand mit dem Johannesstift – feierlich gegründet 1858 – auch eigene eigene diakonische Institution, die sich ebenfalls um Kinder, ursprünglich aber auch um Strafentlassene kümmern sollte. Nach mehreren Umzügen hat es nun auf dem Gelände in Spandau seinen Schwerpunkt.
In verschiedenen Kriegen ab 1863 setzt sich Wichern nochmals für ein neues Arbeitsfeld ein: Diakone werden an der Front als Krankenpfleger für Verwundete tätig. Ab 1866 zieht sich Wichern aus Krankheitsgründen langsam aus der Arbeit zurück. Seine letzten Lebensjahre verbringt er im Rauhen Haus, dort stirbt er 1888.
Downloads und Links zu Wichern, dem Rauhen Haus und dem Adventskranz
- Mit Bildbeschreibungen: Download Bildsatz über Wichern und das Rauhe Haus als PDF-Dokument oder Power Point (PPS)
- Nur Bilder: Download Bildsatz über Wichern und das Rauhe Haus als PDF-Dokument oder als Power Point (PPS)
- Download Infodokument über Johann Hinrich Wichern als PDF-Dokument
- Download Arbeitsbogen Adventskranz als PDF-Dokument
- Download Ausmalbild Wichernscher Adventskranz als PDF-Dokument
- Bilder Adventskranz als PDF-Dokument oder als PowerPiont (PPS)
Anregungen für Aktivitäten im Johannesstift
Wichernbüste
Das Evangelische Johannesstift ist eine Gründung Wicherns. Dies ist durch die Wichern-Büste, eine Art Denkmal, präsent. Durch deren Besuch und die Möglichkeit, Filme mit ihrer historischen Perspektive vor Ort z u sehen, kann die Person Wicherns und auch sein Wirken vertieft werden.
Entdeckungstour durch das Johannesstift
Bei Führungen oder verschiedenen Rallyes lernen die Schülerinnen und Schüler zudem die aktuelle Arbeit des Johannesstifts, d.h. insbesondere das Gelände und die darauf befindlichen Einrichtungen kennen.
Ein möglicher Schwerpunkt liegt dabei unter der Fragestellung „Wie wird hier Menschen geholfen? Und woran kann man das sehen?“ auf der Entdeckung und Wahrnehmung von architektonischen Details und Einrichtungsgegenständen, die dem Hilfebedarf von Menschen entgegenkommen. Der Blick der Schülerinnen und Schüler wird so geschärft für „Stolperfallen“ auch im Alltag. Die Rallye kann je nach Bedarf abgeändert werden.
Geschichte aus einer Erziehungswohngruppe
Die Geschichte „Wie eine Familie eben, nur etwas strenger, aber nicht so laut..“, die über das Leben in einer Erziehungswohngruppe erzählt, vermittelt anschaulich, wie Kinder leben, die keine eigene Familie mehr haben. Schon zu Wicherns Zeiten lebten Kinder in Wohngruppen familienähnlich zusammen
Downloads und Links für Aktivitäten im Johannesstift
- Download einer Beispiel-Rallye für die fünfte Klasse als PDF-Dokument
- Download der Geschichte „Wie eine Familie eben, nur etwas strenger, aber nicht so laut...“ als PDF-Dokument
