Angetan mit einem schwarzen Frack und einem weißen Hemd, den großen Hut auf dem Kopf – so saß er am Schreibtisch, der Jacob Grimm. In seiner Hand hielt er wie gewöhnlich eine Feder, um niederzuschreiben, was ihm die Frau mit grau-braunem Rock, Brusttuch und Haube auf dem Kopf erzählte. So geschehen vor etwa 250 Jahren irgendwo in Deutschland – und im Spandau von 2011. Die Jungen und Mädchen aus drei fünften Klassen aus Spandauer Grundschulen nahmen jeweils an Terminen des 2. Märchenprojekts in der Kinder- und Jugendbibliothek in Berlin-Spandau teil. Finanziert wurde diese tolle Geschichte von „Kinder beflügeln“, der Bildungskampagne des Evangelischen Johannesstifts in Berlin.
Die Jungen und Mädchen aus der Grundschule am Birkenhain, der Birken-Grundschule und der Lynar-Grundschule erlebten in ihren drei Stunden Bibliotheksbesuch eine kleine Zeitreise. Der Raum hatte sich unter dem Veranstaltungstitel „Es war einmal ... Jacob Grimm zum Geburtstag“ mit einem Schreibtisch samt Tintenfass in die Grimmsche Schreibstube verwandelt. In der Rolle der Dorothea Viehmann, die als eine wesentliche Quelle der Märchensammlung der Brüder Grimm gilt, erzählte die Sprechwissenschaftlerin Kathrin Buchmann dem Grafiker und Sprechassistenten Frank Schulz alias Jacob Grimm das Märchen von der klugen Gretel.
Das kleine Schauspiel war ein idealer Gesprächseinstieg. „Während unseres Auftritts waren die Kinder mucksmäuschenstill, doch als wir sie anschließend fragten,
was sie beobachtet hatten, waren die Jungen und Mädchen gleich rege bei der Sache“, erinnert sich Kathrin Buchmann. Das Märchenprojekt, das „Kinder beflügeln“ mit 1.200 Euro für Personal- und Sachkosten unterstützt, zielt auf Sprachförderung. „Es ist ein kreativer Umgang mit Märchen, bei dem es um Erkennen und Kommunikation geht“, erzählt Gisela Rhein, die Leiterin der Kinder- und Jugendbibliothek in Berlin-Spandau.
Ein Vormittag, bei dem die kleinen Märchenfans aus einem Pool von Bildkarten ein Blatt zogen und frei dazu assoziieren konnten. Ein Pferd ließ ein Mädchen gleich an die Gänsehirtin am Brunnen denken, ein Hahn einen Jungen an die Bremer Stadtmusikanten. Ein schlichter Fensterrahmen schien zu dem Haus von Rotkäppchens Großmutter zu gehören. Große Freude bereiteten auch die märchenhaften Pantomimen oder einfach nur das Lesen der Geschichten.
„Bei Literatur muss man eben nicht nur sitzen und zuhören“, sagt Kathrin Buchmann. „Wir haben die Kinder von Anfang an einbezogen und ihnen gesagt, dass sie für diese Bibliothekszeit mit verantwortlich sind.“ Eine Verantwortung, die die Jungen und Mädchen gern übernahmen: „Die Kinder sind richtig begeistert“, meint Gisela Rhein, „und Lehrer erzählen mir immer wieder, wie gut die Veranstaltung bei ihren Schülerinnen und Schülern ankommt.“ Im letzten Drittel des Projekttages zeichneten die Kinder Figuren aus dem Märchen und bastelten dann daraus Stabpuppen. Die sind dann die Protagonisten für eine Aufführung am 19. Januar 2012 um 17 Uhr in der Spandauer Kinder- und Jugendbibliothek.
„Wir haben im letzten Jahr erfahren, welch großen Erfolg das Projekt feierte“, berichtet Claudia Lukat von „Kinder beflügeln“. „Deshalb sind wir 2011 eingestiegen, als die alte Finanzierung wegfiel und eine neue fehlte“, fügt die Projektleiterin hinzu. „Die Veranstaltung verschafft Kindern ein Bildungserlebnis und ermöglicht ihnen einen anderen Zugang zu Märchen“, meint Claudia Lukat. „Das Projekt fördert aktives Zuhören, die Sprache und Präsentation. Das passt zu uns.“
