07.11.2011

Probleme sind zum Klären da – Streitschlichter der Grundschule an der Pulvermühle

„Du Stinktier, das ist gemein!“ - „Zieh Leine, Alter!“ – „Weißt Du, was ich hier gleich ziehe?“ - Szenen eines Vormittags, irgendwo in Berlin. Geschichten, die sich so oder ähnlich auf Schulhöfen abspielen. Die „Grundschule an der Pulvermühle“ im Stadtteil Spandauer Wasserstadt will verhindern, dass aus Wortgefechten Faustkämpfe werden. An dieser Schule finden Kinder und Jugendliche deshalb jetzt Gesprächspartner auf Augenhöhe: Mithilfe der Bildungskampagne „Kinder beflügeln“ des Evangelischen Johannesstifts Berlin konnten elf Schülerinnen und Schüler zu Streitschlichtern ausgebildet werden.

„Die Aggressivität unter Kindern und Jugendlichen ist in den letzten Jahren gestiegen und die Gewaltschwelle gesunken“, meint Claudia Lukat, Projektleiterin von „Kinder beflügeln“. „Das beobachten wir sogar schon bei Grundschulkindern. Nicht immer kann ein Erwachsener schützend eingreifen. Wir möchten deshalb die Kinder dazu anhalten, ihre Probleme selber zu lösen.“

Das Evangelische Johannesstift kooperiert seit Oktober 2010 mit der „Grundschule an der Pulvermühle“. MitarbeiterInnen der Jugendhilfe gGmbH sind seit dem für die Sozialarbeit an der Schule zuständig und „Kinder beflügeln“ organisierte Selbstverteidigungskurse für die Schüler oder baute gemeinsam mit den Kindern ein Gewächshaus, das jetzt auf dem Schulgelände steht.

Die Idee zu dem Streitschlichter-Projekt entstand in der Schule; die Umsetzung machte „Kinder beflügeln“ möglich: Die Bildungskampagne finanzierte die Sachkosten in Höhe von etwa 400 Euro. Außerdem stellte sie den Diplom-Sozialpädagogen und ausgebildeten Mediator Dietmar Lukat, der bei der Jugendakademie des Johannesstifts beschäftigt ist. Gemeinsam mit der Lehrerin und Schulmediatorin Karin Heidl arbeitete er dabei intensiv mit elf Kindern im Alter von zehn bis zwölf Jahren, die sich freiwillig zur Streitschlichter-Ausbildung gemeldet haben.

„Wir haben zuvor geklärt, welche Form von Auseinandersetzungen und Gewalt den Kindern schon begegnet ist, und was sie unter Begriffen wie ‚Konflikt’ oder ‚Streit’ verstehen, was für die Kinder eine Grenzverletzung ist und wo diese für sie beginnt“, erklärt Dietmar Lukat, der das Schulungsseminar für Streitschlichter im Grundschulalter entwickelt hat. Insgesamt vierzig Stunden umfasste die Ausbildung, die Kinder helfen soll, mit Konfliktsituationen besser umgehen zu können. Kernpunkt bildete dabei eine Arbeitswoche im Juni, in der sich alle Teilnehmer im Jugendzentrum Haveleck trafen, das sich unweit der Schule befindet.

„Die Kinder schlüpften beispielsweise in die Rollen der streitenden Parteien“, erzählt Dietmar Lukat. „Die anderen beobachteten die Situation. Gemeinsam haben wir überlegt, ab welchem Zeitpunkt man sich einmischen sollte und wie sich die erhitzten Gemüter beruhigen lassen, ohne dass man sich selbst gefährdet.“

Allerdings gab es auf dem Streitschlichter-Seminar auch echte Konflikte. Dietmar Lukat erinnert sich: „Ein Paar Ohrringe hätte zwei Freundinnen fast auseinander gebracht. Das eine Mädchen hatte sich den Schmuck ausgeliehen, ohne die Besitzerin vorher zu fragen.“ Ein Konflikt, den die Freundinnen in der Gruppe mit den neu erlernten Regeln lösen konnten. „Das haben wir ganz gut geschafft“, so Dietmar Lukat.

Ab dem 31. Oktober 2011 starten die ausgebildeten Streitschlichter in die Praxis. Je zwei von ihnen werden zu jeder großen Pause auf dem Schulhof aufmerksam darauf achten, ob sich Konflikte anbahnen und versuchen, sie gegebenenfalls zu klären. Erkennbar sind die Streitschlichter an ihren neonorangen Westen.

„Die Schule stellt einen Raum zur Verfügung, in der die Streitschlichter mit den Streitparteien weiterführende Gespräche führen können. Hierfür haben die Kinder hilfreiche Schritte und lösungsorientierte Gesprächsführung gelernt, die der Methode der Mediation entstammen. Außerdem wird ein „Kummerkasten“ für die Sorgen und Nöte der Schüler installiert“, sagt Dietmar Lukat, der die Betreuung des Streitschlichter-Projektes dann an Karin Heidl und Schulsozialarbeiterin Ulrike Heindl übergeben wird. „Die Kinder brauchen auf jeden Fall eine fachliche Begleitung und die Unterstützung von Erwachsenen. Wir haben die ersten groben Linien vermittelt, an denen sich weiterarbeiten lässt“, fasst Dietmar Lukat zusammen.
Grundsteine, die mithelfen können, dass die Kinder dieser Grundschule lernen, achtsamer und wertschätzender miteinander umzugehen!