Fünfte Perle: Thalia und Erwin Wurm.

One Minute Skulpturen für KulturPiloten.

Thalia – die Muse der Dichtung und Unterhaltung sowie Beschützerin aller Theaterspielstätten. Als Tochter des Zeus und der Mnemosyne fördert sie mit ihren acht Schwestern das geistige Leben. Ihr Name bedeutet, die „Blühende“, „die Fülle“ und der „frohe Mut“.

Mut braucht es, um Kultur aus der Geschichte wieder zu beleben. Mut braucht es, einen neuen Weg zu bahnen für zehn- und elfjährige Kinder aus den Brennpunkten Berlin und der Fülle der kulturellen Menschheitsgeschichte. 

Wo beginnt die Reise?

Der freie Künstler Stephane und die Musikerin Zoey begleiteten im Jahr 2015 die acht KulturPiloten der Staffel Thalia aus der Karl-Weise-Schule in Neukölln. Auf ein Neues gestalteten die erwachsenen KulturPiloten einen Weg zu alter und neuer Kunst.

Dafür organisierten sie Ausflüge zur Erwin Wurm Ausstellung in der Berlinischen Galerie, zum Technikmuseum, zur Komischen Oper und zum Klingenden Museum. Im Technikmuseum erwartete die KulturPiloten ein Buchdrucklehrgang, um eigene Umschläge für Tage- und Notizbücher selber zu gestalten und zu drucken.

In der Komischen Oper besuchten sie das Gespenst von Canterville und im Klingenden Museum probierten sie selbst Orchesterinstrumente aus. Der Höhepunkt der Staffel war aber zweifelsfrei der Ausflug der Ausstellung „Bei Mutti“ in der Berlinischen Galerie.

One-Minute-Sculpture

Jeder Ausflug der KulturPiloten wird intensiv vor- und nachbereitet. In dem Vorbereitungstreffen zum Museumsausflug und dem Künstler Erwin Wurm, bearbeiteten die Kinder Fragen zu seiner Person und seinem Werk. Der österreichische Künstler Wurm (*1954) will die Trennung zwischen betrachtender Person und Kunstwerk, zwischen Subjekt und Objekt in Frage stellen, ja, sogar torpedieren.

Dafür schafft er einen Raum, in dem die Ausstellungsbesucher und -besucherinnen selbst zum Kunstwerk werden können. Eine Wandlung von Subjekt zu Objekt. Was macht das mit dem Menschen? Wie reagieren die anderen Besucher? Für viele Kinder passte diese Art von moderner Kunst nicht zu ihrem gewohnten Verständnis von Kunst, sie erreichten eine Verständnisgrenze und wurden neugierig. Am Ende des Vorbereitungstreffens konnten die Kinder dann die ersten eigenen Versuche unternehmen – und selbst zur Skulptur werden.

60 Sekunden...

Am Tage des Ausflugs lag Spannung in der Luft. Was würden sie erleben? Angekommen im Museum erwartete sie ein großer, sehr hoher weißer Raum. Im Zentrum ein richtiges Haus  - ein detailgetreuer und begehbarer Nachbau von Wurms Elternhaus - jedoch gestaucht auf die Breite von 1,10 Meter.  Das soll Kunst sein? In jedem Fall ein Erlebnis für die KulturPiloten!

Die Kinder entdeckten und erforschten die Ausstellung. Sie fanden rund 80 Zeichnungen und Skulpturen aus der Frühphase Wurms bis zu Werken seiner jüngsten Schaffensperiode. Dann standen sie vor weißen und leeren Podesten. Was tun?

Glücklicherweise hatte der Künstler einen Rahmen vorgegeben. So fand sich bei genauerer Betrachtung bei den Podesten aufgezeichnete, konkrete Handlungsanweisungen und dazu jeweils passende Alltagsgegenstände: Tennisbälle, ein riesiger Pullover, eine Tasche oder ein Dutzend Bücher.

Mit dieser Vorbereitung konnte es losgehen: die Verwandlung in ein eigenes Kunstwerk: eine 60 Sekunden Performance. Doch den Anweisungen zu folgen, fiel oftmals gar nicht so leicht. Den Kopf auf zwei aufeinander liegenden Tennisbällen zu balancieren, ist nicht einfach! Sich selbst in ein Bücherregal zu verwandeln und zwölf Bücher zwischen Arme und Beine zu halten – das war eine Herausforderung.

Auf das eigene Scheitern hätten die Kids ganz unterschiedlich reagieren können. Mit Resignation und Rückzug oder mit Wut. Die KulturPiloten nahmen es dieses Mal – Schutzgöttin Thalia sei Dank – mit Humor. Thalia ist eben auch Schutzgöttin der Komödie. Und so versuchten sie es weiter unter anhaltendem Lächeln und Lachen bis es letztlich allen gelang.

Der spielerische Ansatz und der vorbereitete Raum und Rahmen hatte sich bewährt. Das selbst in Aktion treten gewährte neue Aufmerksamkeit für die weiteren Ausstellungsstücke des Museum. Die Kinder waren stolz auf ihre eigenen Kunstwerke und nahmen nun Kunst drum herum mit neuen Augen wahr.

Der Besuch in der Berlinischen Galerie war für die Kinder eine beeindruckende, inspirierende Erfahrung. Sie hinterließ eine Spur der Freude und des Spaßes. Und so wollten die KulturPiloten der Staffel Thalia am Ende der Staffel – bei der Abschlussfeier auf der Bühne des großen Festsaals im Evangelischen Johannesstift – ihre eigenen One-Minute-Skulpturen zeigen. Vorhang auf!