Sechste Perle: Kalliope

...und Präsidentin Park Geun-hye

Kalliope – die älteste der klassischen neun Musen. Schutzgöttin der Wissenschaft, Philosophie und epischen Dichtung. Sie ist die erstgeborene Tochter des Zeus und der Mnemosyne. Kalliope - die Schönstimmige - gilt als die die Weiseste unter den Musen und ihr Attribut ist die Schreibtafel. 

Der Schatz dieses sechsten Beitrages aus der Staffel der Kalliope fand sich auf der Straße. Nicht im Museum, im Theater, in der Oper oder im Klassenzimmer, sondern: auf der Straße.

Wie alles begann...

Der erste Focus jener Staffel lag – gemäß der Muse Kalliope – auf Wissenschaft und Philosophie. Der zweite Focus lag auf der Selbstermächtigung der Kinder im städtischen Raum.  Aus der großen, manchmal unnahbaren, fremden Stadt sollte ihr Berlin werden.

Motto: Mit der Weisheit der Kalliope raus aus dem Moabiter Kiez und rein ins Getümmel! Aber nicht so voreilig, würde sie vermutlich anmahnen und so war es die Idee der erwachsenen KulturPiloten Stefan Leisner (Philosoph, Prozessbegleiter) und Ulrike Solbrig (Bildende Künstlerin), zuerst die eigene Lebenswelt neu zu begreifen um dann das Augenmerk auf neue Horizonte zu lenken.

Geplant, getan...

In einer der ersten Kennenlernrunden sollten die neun KulturPiloten ihre eigenen Haustüren zeichnen. Diese Idee stammt aus dem sehr schönen Berlinführer für Kinder- und Jugendliche  „Entdecke deine Stadt“ von Anke M. Leitzgen. Im Gesprächskreis ist die gezeichnete Tür dann Startpunkt für ein gemeinsames Kennenlernen.

Wer wohnt dahinter, habt ihr ein Haustier, kennt ihr eure Nachbarn? Im nächsten Schritt zeichnen die Kinder ihr Zuhause auf einer großen Berlinkarte ein. Bei den Kalliope-Kindern gab es einige Überraschungen - so lebten ein paar Kinder gerade um die Ecke, und andere ein ganzes Stadtviertel entfernt. Später sind wir bei einigen dieser Türen vorbei gekommen und haben Bild und Wirklichkeit verglichen.

Stadtaneignung mit Kindern der vierten Klasse - wie geht das? Erst einmal zuhören. Was mögen die Kinder in ihrem Kiez, was nicht? Welche Orte besuchen oder meiden sie? Haben sie Lieblingsorte, die sie uns zeigen wollen? Wir haben viele Runden gemacht, in denen wir jedem einzelnen Kulturpiloten lauschten. In diese Recherchearbeit flochten wir die ersten Ausflüge ein und erweiterten den Horizont der Kinder. Wir besuchten das Technikmuseum, die Bibliothek des Kiezes, den Fernsehturm und das Grips Theater.

Streetart in Moabit

Dann gingen wir einen Schritt weiter und wurden selbst aktiv. Wir hatten in der Gruppe bereits herausgefunden, welche Orte die KulturPiloten aufsuchen oder meiden. Nun ging es uns darum, diese privaten Meinungen öffentlich zu machen und selbst Hand anzulegen. Stadtaneignung - das heißt auch, sich einzusetzen für die eigenen Wünsche im eigenen Kiez. Wir besprachen miteinander, wie wir uns einmischen konnten, wie wir etwas verändern konnten. Wieder half uns das Buch “Entdecke deine Stadt”. Natürlich können und sollen sich die Kinder an erwachsene Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen wenden. Aber was können sie jetzt sofort tun?

Wir bastelten Sprechblasen mit Fragen und kleinen Bildern. Dann gingen wir zu den Orten und klebten jene mit Tesafilm an die entsprechenden Stellen. Das machte Spaß! Für viele Kinder war es ganz neu, sich auf diese Art und Weise einzumischen. Ein Zettel in einem Untergang: “Hier finde ich es zu dunkel”, ein Schnipsel “Hier gefällt es mir gut” auf dem sauberen Spielplatz. Freilich kam auch die Frage, ob dies erlaubt sei und was der Unterschied zu Graffiti wäre. Was ist Kunst und was ist Verschmutzung? Wem gehört die Stadt und was ist erlaubt? Solche spannenden Fragen diskutierten wir in der Gruppe und kamen auf keine gleiche Meinung!

Besonderes Treffen..

Mitte März neigte sich die erste Halbzeit der KulturPilotenstaffel dem Ende zu.

Der nächste Ausflug ging in das Märkische Museum. Wie immer bereiteten wir den Ausflug an dem Treffen zuvor vor. Ebenfalls wie immer wurden zwei Kinder zu den KulturPiloten-Stadtführern erkoren, die vorher Weg und Zugverbindung planten. Während des Ausfluges übernehmen sie dann unsere Führung. Zwei weitere Kinder sind die Fotografen des Ausfluges und übernehmen die Dokumentation.

Am Tage des Ausfluges, den 26.3.2014, gab es eine unerwartete Überraschung. Im Anschluss an den Museumsbesuch liefen wir zu zur U-Bahn Station Friedrichstraße als einem der KulturPiloten eine Motorradstaffel der Polizei auffiel. Und darüber ein Polizeihubschrauber. In ein paar Hundert Metern Entfernung war die Straße abgesperrt. Die Kinder staunten. Da wir noch etwas Zeit übrig hatten, entschlossen wir uns, dies zu erkunden. Was war da? Spannung lag in der Luft. Umso näher wir dem Brandenburger Tor kamen, um so mehr Polizei und Militär erwartete uns. Endlich angekommen, trennte uns nur noch eine Absperrung vom Wahrzeichen Berlins.

Ein mutiges Kind unserer KulturPiloten fragte die Polizei, was denn hier los wäre. Nun erfuhren wir es: die südkoreanische Präsidentin Park Geun-hye besucht Berlin. Heute und hier - in 10 Minuten. Die aufgeregten KulturPiloten halten die Luft an. Einer sieht die Scharfschützen auf den Dächern, der Andere die Bodyguards, eine dritte die Dolmetscher und ein Vierter einen zweiten Helikopter. Wird auch Kanzlerin Merkel da sein oder der Bürgermeister Wowereit?

 

 

 

Dann kommen die langen Wagenkolonnen. Grelle Warnsignale, Hektisches Absichern durch die Sicherheitskräfte. Die KulturPiloten sind gespannt und rücken zusammen. Einen kurzen Blick auf die Präsidentin und den Bürgermeister können wir erhaschen, dann ist der ganze Trubel auch schon wieder vorbei. Wir machen uns auf den Weg zurück zur Schule. Was für ein Tag!

Der Pathos jenes Ereignisses wirkte nach und wurde lebhafte Erinnerung. Die Klassenlehrerinnen erzählten mir später, dass von diesem Erlebnis jedes Mal zuerst berichtet wurde.