16.06.2011

Normalität tut wohl: Run-of-Spirit-Porträt von Philipp Torwesten

Teilnehmer beim Run of SpiritPhilipp Torwesten strahlt Offenheit und Sympathie aus. Dass er gerade zehn Kilometer gelaufen ist, merkt man ihm nicht an. Ausgesprochen gute Sportler und Sonntagsläufer, Leute, die "fit wie ein Turnschuh" waren, oder das Zehn-Kilometer-Ziel mit letzter Kraft erreichten, nahmen mit ihm an der Königsstrecke des diesjährigen "Run of Spirit" im Evangelischen Johannesstift teil. Von manchen wusste man, dass sie Favoriten waren, wie Henry Wanyoike oder Vorjahressieger Benjamin Lindner.

Doch die meisten der fast 270 Starter blieben für das Publikum glückliche Unbekannte. Wie der Berliner Philipp Torwesten (29). Dabei ist er seit 2003 ein Vizeweltmeister. Damals saß er in Mailand beim Rudern im Vierer mit Steuermann. Nach seiner aktiven Zeit auf dem Wasser für den BRC Hevella von 2001 bis 2005 begann er, Fußball zu spielen. Das ist noch heute seine Leidenschaft: Jeden Dienstag sieht man den drahtigen, hoch Aufgeschossenen bei den "Schwanter-Kickers 09" trainieren. "Weil es sich geradezu anbietet, laufe ich anschließend", erklärt er. Auch Radfahren steht auf seinem Bewegungsprogramm, Staffellauf und Tischtennis ebenfalls. "Ich bin eine Sportskanone, das habe ich von meinem Vater in die Wiege gelegt bekommen", flachst er.

Der Run of Spirit hat etwas normales: nicht ausgegrenzt zu sein

Am "Run of Spirit" wollte er schon 2009 teilnehmen, doch das zerschlug sich terminlich. Diesmal hätte beinahe eine Knieverletzung vom letzten Fußballtraining seinen Start verhindert, doch er kam trotzdem. Mit seinem zeitlichen Abschneiden ist er deshalb nicht zufrieden. Doch seien Zeiten und Platzierungen nicht so wichtig: dabei sein, ankommen und Spaß haben wäre alles. Dass heute Rollstuhlfahrer, geistig behinderte und gesunde Menschen zusammen gegangen, gelaufen, gewalkt sind, fand er besonders toll. Es hatte etwas so normales: nicht ausgegrenzt zu sein. Das tat wohl. Denn Philipp Torwesten ist geistig behindert. Sauerstoffmangel während der Geburt bewirkte, dass der gebürtige Marzahner in seinem Leben einige Umwege gehen musste. Von der Lernbehindertenschule schickte man ihn in eine für geistig Behinderte. 1998 begann er eine Berufsorientierung bei den Berliner Werkstätten für Behinderte im Berliner Westhafen. Dort probierte er sich auf verschiedenen Feldern aus. Er lernte Silke, seine große Liebe, kennen. Seit drei Jahren ist sie seine Ehefrau, ihretwegen verschlug es ihn nach Spandau. Philipp Torwesten arbeitet bei Ikon in Zehlendorf. In der Verpackungsabteilung hat er als Assistenzmanager auch Verantwortung für einen Rolli fahrenden Mitarbeiter übernommen: ihm Essen zu reichen und Arbeitsaufträge zu erteilen sind seine Aufgaben neben dem regulären Arbeitspensum. Der Job macht ihm Spaß. Die Freizeit wird zum großen Teil vom Sport bestimmt. Zum Glück kickt Ehefrau Silke, die 2003 bei der WM auch im Vierer der Handicap-Ruderer saß, im Fußballteam mit.

Selbständig den eigenen Weg gehen

Die beiden sind glücklich in ihrer gemeinsamen Wohnung in Spandau. Sie werden von Mitarbeitenden der Behindertenhilfe des Evangelischen Johannesstifts, der Einrichtung SchwanterWeg, betreut. "Leben so normal wie möglich" ist deren Devise im ambulant betreuten Wohnen für Menschen mit kleinen Schwächen, die wie die beiden jungen Leute selbständig ihren Weg gehen wollen und manchmal einer Unterstützung bedürfen. Beim Sport ist die offensichtlich nicht nötig. Momentan überlegt Philipp Torwesten, wie Sponsoren für das geplante Trainingslager der "Schwanter-Kickers 09" im November auf Gran Canaria gewonnen werden können. "Und meine Zeit beim "Run of Spirit", die kriege ich im nächsten Jahr besser hin", sprudelt es aus ihm.

Autorin: Andrea von Fournier