27.09.2017

„Wir brauchen für die Menschen in unserem Land ein neues Herz“

Vor dem Erntedankfest jeweils im Interview: Anselm Grün und Clemens Bittlinger

Am Sonntag, 1. Oktober 2017 ist Erntedank. Im Evangelischen Johannesstift feierten wir  bereits am 24. September unser großes Erntedankfest. Benediktinerpater Anselm Grün und Liedermacher Clemens Bittlinger gestalteten den Gottesdienst und begleiteten uns über den ganzen Tag. Im Vorfeld sprachen wir mit ihnen über ihre persönliche Bedeutung von Erntedank.

2017-EDF-Johannesstift_AnselmGruen.jpgINTERVIEW MIT PATER ANSELM GRÜN

Welche Bedeutung hat das Erntedankfest in heutiger Zeit noch?

Anselm Grün: Das Erntedankfest erinnert uns daran, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir zu essen haben. Und es erinnert uns an die Natur, die uns diese Gaben schenkt, und an Gott, dessen Segen es uns ermöglicht, dass wir genügend zu essen haben. Das Erntedankfest will uns sensibilisieren, dass die Mahlzeit nicht einfach eine Sättigungszeit ist, sondern ein Mahl, das uns miteinander verbindet und das wir in Dankbarkeit gegenüber Gott miteinander halten, um Gottes Gaben gemeinsam zu genießen.

Die Jahreslosung, die auch das Jahresmotto des Evangelischen Johannesstifts ist, lautet: Gott spricht: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hes 36,26) Was bedeutet das für Sie?

Anselm Grün: Wir sollten nicht ständig um die Vergangenheit kreisen und meinen, wir seien festgelegt durch die Verletzungen der Kindheit. Gott kann uns immer wieder ein neues Herz schenken und damit mit uns neu anfangen. Das gilt für den einzelnen, das gilt aber auch für die Kirche und für die Gesellschaft. Wir brauchen ein neues Herz, damit das Herz aus Stein, das viele in sich haben, wieder zu einem menschlichen Herzen wird, das mit anderen mitfühlen kann.

Sie kennen das Evangelische Johannesstift seit Jahren. Bitte beschreiben Sie Ihre Beziehung zum Evangelischen Johannesstift in wenigen Worten.

Anselm Grün: Ich war erst einmal im Johannesstift und war sehr davon angetan, wie sehr sich das Stift für Menschen einsetzt, die am Rand der Gesellschaft stehen. Und ich war sehr fasziniert von der Kreativität, mit der das Stift auf die Nöte unserer Zeit antwortet. Und es hat mich gefreut, eine tiefe Spiritualität vorzufinden. Es wird nicht nur gearbeitet, sondern aus dem Geist Jesu heraus versucht man, das zu tun, was zu tun ist. Die geistlichen Angebote bringen die Menschen in Berührung mit ihrer inneren Quelle.

Am 24. September feiert das Evangelische Johannesstift sein Erntedankfest. Darüber hinaus findet an diesem Tag auch die Bundestagswahl statt, und wir haben es derzeit mit einer insgesamt angespannten Weltlage zu tun. Wie schätzen Sie die derzeitige Lage der Welt ein, was möchten Sie den Menschen mit auf den Weg geben?

Anselm Grün: Das Motto des Erntedankfestes gilt auch für die Bundestagswahl und für die politische Situation in der Welt, die gekennzeichnet ist von einem Rechtsruck, von Härte und Verurteilung. Wir brauchen für die Menschen in unserem Land, aber auch in vielen anderen Ländern dieser Erde ein neues Herz, ein Herz, das mitfühlt, ein Herz, das barmherzig ist, ein Herz, das offen ist für die Nöte der Menschen und sich nicht mehr verschließt.

Anselm Grün: Eine spirituelle Bereicherung für Jeden

Der aus München stammende Benediktinerpater Anselm Grün trat bereits nach seinem Abitur in die Benediktinerabtei Münsterschwarzach bei Würzburg ein. Dort lernte er die Kunst der Menschenführung nach der Regel Benedikts von Nursia kennen. In Seminaren und Vorträgen geht er heute auf die Nöte und Sinnfragen vieler Menschen ein. So ist er zum spirituellen Berater und geistlichen Begleiter u.a. auch von vielen Managern geworden. Seine rund 300 Werke wurden in 30 Sprachen übersetzt. Seit seinem ersten Besuch 2015 ist Anselm Grün dem Johannesstift spirituell eng verbunden. Gerade im Jubiläumsjahr der Reformation wollen wir diesen ökumenischen Zusammenhalt in zeitgemäßer Form gemeinsam feiern.

 

2017-EDF-Johannesstift_ClemensBittlinger.jpgInterview mit Clemens Bittlinger

Welche Bedeutung hat das Erntedankfest in heutiger Zeit noch?

Clemens Bittlinger: Danken verändert unser Denken. Gerade angesichts der weltweiten Lage haben wir Deutschen doch allen Grund zu danken und dankbar zu sein. Doch die dankbare Feststellung „uns geht es gut“ sollte dazu führen, dass wir bereit sind, das, was wir haben, zu teilen und gastfreundlich unsere Häuser und unser Land für die zu öffnen, denen es an allem mangelt. Als Angela Merkel angesichts der Flüchtlingskrise sagte „Wir schaffen das“, so konnte sie das nur sagen, weil sie wusste, dass sie Kanzlerin eines Volkes ist, das weiß, wie gut es ihm geht, das dankbar ist und das gerne teilen und etwas zurückgeben möchte - somit ist das Erntedankfest ein hoch politisches Fest, vor allem, wenn man es noch dazu an einem Bundeswahlsonntag begeht.  

Die Jahreslosung und das Jahresmotto des Evangelischen Johannesstifts lautet: Gott spricht: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hes 36,26) Was bedeutet das für Sie?

Clemens Bittlinger: Im ersten Buch Mose urteilt Gott, der Schöpfer, in der Erzählung von der Arche Noah folgendermaßen über den Menschen: „Das menschliche Herz ist böse von Grund auf…“. Vieles, was wir heute an Krisen in aller Welt erleben, ist von Menschen gemacht, ist entstanden aus menschlicher Habgier. Wie schön sind da der Gedanke und die Zusage, dass Gott uns ein neues Herz schenken möchte, eine neue Grundausrichtung, die eben nicht zuerst nach mir fragt, sondern liebevoll den Nächsten im Blick hat.   

Sie kennen das Evangelische Johannesstift seit Jahren. Bitte beschreiben Sie Ihre Beziehung zum Evangelischen Johannesstift in wenigen Worten.

Clemens Bittlinger: Ich kenne und schätze Martin von Essen seit vielen, vielen Jahren. Schon zu DDR-Zeiten, als er noch mit seiner Band Solaris unterwegs war, kannten wir einander. Später wurde er dann Kirchentagspfarrer, da haben wir viel zusammengearbeitet und dieser Kontakt ist bis heute geblieben. Ich darf ja nun schon zum zweiten Mal zu Gast sein bei diesem großartigen Event in einer wirklich beeindruckenden Einrichtung.  

Clemens Bittlinger: Modernes christliches Liedgut für alle

Der Liedermacher, Pfarrer und Buchautor Clemens Bittlingerder repräsentiert wie kein anderer durch seine Lieder, seine Musik und seine Texte einen modernen, offenen Glauben. Über 3.000 Konzerte in den vergangenen drei Jahrzehnten und die Veröffentlichung von 33 CDs machen ihn zu einem der erfolgreichsten Interpreten seines Genres. Längst haben Lieder wie „Aufstehn, aufeinander zugehn“ den Weg ins allgemeine Liedgut der Kirchengemeinden gefunden.