31.01.2011

Evangelisches Johannesstift legt Ergebnisse der Studie zur Heimerziehung zwischen 1945 und 1970 vor

Das Evangelische Johannesstift in Berlin-Spandau legt die Ergebnisse der Studie "Heimerziehung in den Jahren 1945-1970 im Evangelischen Johannesstift" vor. Die Studie versteht sich als Beitrag zur öffentlichen Diskussion über die Heimerziehung und ist eine Fortführung der geschichtlichen Aufarbeitung, die das Johannesstift bereits seit dem Jahr 2000 leistet.

Die Studie beschreibt zum einen die Situation der Heime sowie die pädagogische Praxis im Untersuchungszeitraum. Insbesondere ging es um die Frage, in welcher Weise und in welchem Umfang "körperliche Züchtigung" die Erziehung in den Heimen bestimmt hat. Ebenfalls wurde danach gefragt, unter welchen Verhältnissen die Heimbewohner in Betrieben des Johannesstifts gearbeitet hatten.

Untersucht wurden die noch erhaltenen Akten der ehemaligen Heime Ulmenhof, Birkenhof, Jungborn, Heideborn und ferner des Kleinkinderheims. Da die Quellenlage jedoch für einige Einrichtungen lückenhaft ist, stützte sich die Betrachtung vor allem auf noch erhaltene Heimakten des Lehrlingsheims Ulmenhof.

Die Studie zeigt: Obwohl körperliche Züchtigungen in Berliner Heimen seit 1948 verboten waren, waren sie in den Heimen des Johannesstifts nicht bloß "Ausrutscher" oder Ausnahmen, sondern gehörten bis in die 1960er Jahre hinein zum Erziehungsrepertoire.

Rund 17 Prozent der zur Untersuchung ausgewählten Akten erhalten Hinweise auf vollzogene körperliche Strafen. Demnach erlitt fast jeder fünfte Jugendliche wenigstens einmal während des Heimaufenthalts die Anwendung einer körperlichen Strafe am eigenen Leib. Der Schwerpunkt der Fälle liegt in den 40er und 50er Jahren; für die 1960er Jahre sind weniger Fälle dokumentiert; ein Hinweis darauf, dass in dieser Zeit im Johannesstift die Erziehungsmethoden im Wandel begriffen waren.

Zumeist sind Ohrfeigen dokumentiert, aber auch Hinweise auf Prügelstrafen finden sich. Die formal nach einem Strafkatalog vollzogenen Züchtigungsformen (mit einem Rohrstock) sind laut Aktenlage noch bis Anfang der 50er Jahre angewandt worden. Danach wurden sie offensichtlich unüblich. Hingegen waren Arreststrafen im "Bunker" noch bis Anfang der 60er Jahre als Erziehungsmittel akzeptiert.

"Mit großer Betroffenheit und aufrichtigem Bedauern stellen wir fest, dass auch in unseren Heimen in den 50er und 60er Jahren Unrecht geschehen ist.", erklärt Stiftsvorsteher Pfarrer Martin von Essen. „Schläge oder Ohrfeigen waren in den 50er und 60er Jahren Teil eines von Strafen und Gehorsam bestimmten Erziehungssystems, das auf Unterordnung und nicht hinterfragten Gehorsam zielte. "Wir wissen heute, dass wir dem Anspruch unserer christlichen Verpflichtung und dem Wohle der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen nicht bei jedem der Kinder und Jugendlichen gerecht geworden sind".
Das Evangelische Johannesstift bittet die ehemaligen Heimkinder für erlittene und leidvolle Erfahrungen um Verzeihung.


In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle hatten die Schläge zwar keine schweren körperlichen Nachwirkungen. "Aber selbst scheinbar ‚leichtere Züchtigungen‘ können im individuellen Fall zu Traumatisierungen führen", so von Essen, "ebenso wie Demütigungen und soziale Strafen, die damals angewandt wurden, etwa Arreststrafen, Ausgangssperren, Strafarbeiten oder gar Heimentlassung".

Die Studie macht zudem deutlich, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Einrichtungen für ihre verantwortungsvolle Aufgabe früher oft unzureichend qualifiziert waren.

Untersucht wurden auch die Arbeitsverhältnisse. Heimbewohner arbeiteten in den damaligen Stiftsbetrieben mit. Der Tagesablauf der schulpflichtigen Kinder im Jungborn wurde vom Besuch der Heimschule geprägt. Bis in die 1960er Jahre hinein wurden die Kinder auch zu gelegentlichen Arbeiten auf dem Feld und im Garten sowie zu Arbeiten für das Gemeinwesen herangezogen. Der Ulmenhof war ein Heim, deren Bewohner eine Berufsausbildung vermittelt werden sollte. Zunächst wurden die Jugendlichen, zum Teil für mehrere Monate, als "Arbeitsbursche" in verschiedenen Stiftsbetrieben beschäftigt, etwa in der Landwirtschaft, der Gärtnerei oder den Werkstätten. Diese Arbeit diente zur Berufsfindung (Entdeckung von Fähigkeiten und Neigungen), aber auch zur Bewährung im Heimalltag. Als eine Art "Arbeitstherapie" sollten Selbstdisziplin und Arbeitswillen geprüft und eingeübt werden. Die Arbeit galt als sozialpädagogische Maßnahme und stellte den damaligen Bestimmungen nach keine Beschäftigung im Sinne des Arbeitsrechts dar; sie war deshalb nicht arbeitslosen- oder sozialversicherungspflichtig. Die Arbeitsburschen wurden, von Prämien abgesehen, nicht entlohnt, sondern erhielten ein Taschengeld. Der Lehrvertrag war an den Heimaufenthalt gebunden, endete also mit der Heimentlassung. Auch die Lehrlinge erhielten nur ein Taschengeld, waren aber sozialversichert.


Lehren und Konsequenzen – Dialog und Mitarbeitersensibilisierung

Seit den 1950er und 60er Jahren hat sich vieles geändert, auch in der Heimerziehung. "Wir setzen uns schon lange dafür ein, dass in unseren Einrichtungen heute eine gewaltfreie Atmosphäre und ein respektvoller Umgang herrschen. Wir fördern die Fähigkeiten und Entwicklungspotentiale des Einzelnen, um die persönliche Entwicklung des Einzelnen zu stärken.", so von Essen.

Das Johannesstift ist im Gespräch mit ehemaligen Heimkindern, und es sucht dieses Gespräch. Vorstandsvorsitzender von Essen: „Wo Unrecht geschehen ist, muss dieses Unrecht zur Sprache gebracht und anerkannt werden. Wir suchen das Gespräch – denn viel zu lange wurden die bedrückenden Schicksale ignoriert. Auf Wunsch unterstützen wir die Betroffenen, ihre Geschichte zu dokumentieren, unkompliziert Akteneinsicht zu erhalten und therapeutische und seelsorgerliche Begleitung zu erhalten."

Darüber hinaus ist das Johannesstift bereit, sich am Hilfsfonds zu beteiligen, der vom Runden Tisch Heimerziehung vorgeschlagen wurde.

Wichtig und wesentlich ist die Ausbildung und Sensibilisierung der heutigen Mitarbeiterschaft: "Wir sorgen dafür, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ständig nach aktuellsten Standards fortgebildet und in ihrem Rollen- und Berufsverständnis ständig sensibilisiert werden für die Ansprüche und Bedürfnisse der Jugendlichen und Kinder." Das Johannesstift bringt dieses Thema gezielt in die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher ein.

 

Das Evangelische Johannesstift und die Diakonie unterstützen ausdrücklich die Umsetzung des geplanten Fonds. Anfragen von Personen, die mögliche Leistungen aus dem geplanten Fonds für ehemalige Heimkinder anmelden wollen, können von der derzeit ovm Evangelischen Johannesstift und der Diakonie nicht bearbeitet werden.

Bitte melden Sie sich unmittelbar bei der Infostelle des Runden Tisches Heimerziehung:
Hier erhalten ehemalige Heimkinder individuelle, telefonische und persönliche Beratung und Unterstützung. Sie erreichen die Infostelle unter der Telefonnummer: (030) 27576777 oder der E-Mail: info [at] rundertisch-heimerziehung [dot] de

Ehemalige Heimkinder, die Kontakt zum Evangelischen Johannesstift suchen , können sich per Mail an info [at] evangelisches-johannesstift [dot] de wenden.


Hier erhalten Sie die Erklärung des Vorstands des Evangelischen Johannesstifts zur Studie (PDF-Dokument).

Hier erhalten Sie die Zusammenfassung der Studie (PDF-Dokument).