Jedes Jahr feiern wir im Johannesstift das Erntedankfest. An dieser Stelle möchten wir Ihnen den historischen Hintergrund und einige Zusatzinformationen bereitstellen:
- Brauchtum und Geschichten
- Gebete und Biblische Texte
- Zum Nachdenken
- Wie sagen wir heute (ernte)dank?
- Texte und Lieder
Brauchtum und Geschichte
Das Erntedankfest: Ein Grund zur Freude in allen Kulturen
Ein Ernte(dank)fest ist in allen Kulturen und Religionsgemeinschaften dieser Welt bekannt. Das Brauchtum in den verschiedenen Regionen und Ländern ist unterschiedlich, eines aber ist überall gleich: Die Menschen bedanken sich für die Erde und die Fülle an Früchten und Nahrungsmitteln. Der Dank der Menschen gilt Gott dem Schöpfer, den für Ernte und Fruchtbarkeit zuständigen Göttern oder der Natur selbst. Mit dem Dank für die Ernte ist oft die Bitte um ein ertragreiches kommendes Jahr verbunden.
Der Zeitpunkt des Festes richtet sich nach den klimatischen Bedingungen einer Region. So kann es sein, dass in einem Land mehrere Male im Jahr eine Ernte mit einem Erntefest gefeiert wird, oder aber wie bei uns nur einmal im Jahr.
In der jüdischen Tradition z.B. kennt man zwei Erntefeiern jährlich. Das jüdische Pfingstfest (Schawuot) feiert die Ernte des ersten Getreides und läutet den Beginn des Sommers ein. Im Herbst erinnert das Laubhüttenfest (Sukkot) an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten und feiert den Ernteertrag des Jahres im Ganzen.
Für das Christentum gibt es keine verbindliche Regelung, wann das Erntedankfest gefeiert wird. Christliche Gemeinden auf der Nordhalbkugel unserer Erde feiern Erntedank, wenn die Gemeinden auf der Südhalbkugel gerade den Frühling begrüßen.
Die evangelische und die katholische Kirche feiern in unseren Breitengraden ein Erntefest Ende September oder Anfang Oktober, wenn der größte Teil der Ernte eingebracht worden ist.
Historisches zum Erntedankfest
Die Erntedankfeier war in vorchristlicher Zeit bekannt und wurde wahrscheinlich im 3. Jahrhundert in das Brauchtum der römischen Kirche übernommen. Die verschiedenen Klimazonen machten eine einheitliche weltweite Einigung auf einen Termin dieses Festes für die katholische Kirche unmöglich. Auf einer Bischofskonferenz einigte man sich 1972 auf den ersten Sonntag im Oktober als Erntedankfesttermin für Deutschland. Die Gemeinden sind aber nicht verpflichtet dieses Fest zu feiern.
Die evangelische Kirche feiert Erntedank am Michaelitag (29. September) oder einem der benachbarten Sonntage. In der Terminfestsetzungen allerdings haben die evangelischen Landeskirchen und die einzelnen Gemeinden weitestgehend freie Hand. 1773 wurde in Preußen der regelmäßige Erntedanktag eingeführt, dem sich die anderen protestantischen Kirche in Deutschland anschlossen.
Bräuche, Riten, Festgottesdienst
In früheren Jahrhunderten haben die Gutsherren ihre Knechte und Mägde mit Erntebier und einem festlichen Essen bewirtet. Es wurde tagelang gefeiert und getanzt. Heute ist die Erntedankfeier fast ausschließlich in den kirchlichen Gottesdienst integriert. Obst, Gemüse und andere Ernteerträge werden in den Kirchen vor und auf dem Altar ausgebreitet.
Regional findet man in Deutschland noch traditionelle Erntedankfestlichkeiten und -bräuche:
Almabtrieb
im Lauf des September wird das Vieh von der Alm ins Tal zurückgebracht. Die Tiere werden, wenn es keinen Todesfall im Hause des Bauern gab und das Vieh keinen Schaden genommen hat, mit Berggrün, Blumen und bunten Bändern festlich geschmückt. Zurück im Tal werden sie dreimal um den Hof geführt, bevor es über den Winter auf die Hofweide und in den Stall zurückgeht.
Wein- und Winzerfeste
in den Weinanbaugebieten feiern die Winzer den Abschluß der Weinlese/-ernte mit einem eigenen Erntedankfest meist Ende Oktober.
Jahrmarkt, Kirchweihfest, Kirmes, Kirbe
Fest nach der Einbringung der Ernte. Früher zählte es zu den beliebtesten Festen unter der Landbevölkerung. Es dauerte in der Regel mehrere Tage und wurde mit Festessen und Tanz begangen.
Erntekranz (oder Erntekrone)
wird aus Stroh geflochten und mit Bändern geschmückt. Die Mägde und Knechte überreichen den Kranz vor Beginn der Erntedankfeierlichkeiten und an den Gutsherrn. Früher wurde der Kranz im Haus aufgehängt und blieb dort bis zum nächsten Erntefest im kommenden Jahr hängen. Man erhoffte sich von ihm Schutz vor Krankheiten und Feuer. Wenn im kommenden Jahr, die erste Getreideernte in die Scheunen gebracht wurde, legt man den alten Erntekranz unter das neue Getreide. Dadurch sollte das Korn vor Nagern geschützt sein.
Erntepuppe
Aus den letzten Garben wird eine Puppe geformt Sie bleibt als Opfergabe auf dem Feld oder wird mit zum Erntetanz genommen. Die Größe und Üppigkeit der letzten Garbe wurde oft als Omen für den Ertrag der nächsten Ernte gewertet.
Gebete und Biblische Texte
Gebete
Danke, Gott, für diesen Morgen,
danke, dass du bei mir bist.
Danke für die guten Freunde
und dass du mich nie vergisst.
Danke für die Zeit zum Spielen,
für die Freude, die du schenkst,
und dass du an dunklen Tagen
ganz besonders an mich denkst.
Amen.
Vater, wir leben von deinen Gaben.
Segne das Haus, segne das Brot.
Lass uns von dem, was wir haben,
anderen geben, in Hunger und Not.
Amen
Alle guten Gaben,
alles was wir haben,
kommt oh Gott von dir,
wir danken dir dafür.
Amen
Biblische Texte
Aus Psalm 104
Lobe den Herrn, meine Seele!
Herr, mein Gott, wie groß bist du!
Du läßt die Quellen hervorsprudeln
in den Tälern, sie eilen zwischen den Bergen dahin.
Allen Tieren des Feldes
spenden sie Trank, die Wildesel stillen ihren Durst daraus.
An den Ufern wohnen die Vögel des Himmels,
aus den Zweigen erklingt ihr Gesang.
Du tränkst die Berge aus deinen Kammern,
aus deinen Wolken wird die Erde satt.
Du läßt Gras wachsen für das Vieh,
auch Pflanzen für den Menschen, die er anbaut, damit er Brot gewinnt von der Erde
und Wein, der das Herz des Menschen erfreut,
damit sein Gesicht von Öl erglänzt und Brot das Menschenherz stärkt.
Du hast den Mond gemacht als Maß für die Zeiten,
die Sonne weiß, wann sie untergeht.
Du sendest Finsternis, und es wird Nacht,
dann regen sich alle Tiere des Waldes.
Die jungen Löwen brüllen nach Beute,
sie verlangen von Gott ihre Nahrung.
Strahlt die Sonne dann auf, so schleichen sie heim,
und lagern sich in ihren Verstecken.
Nun geht der Mensch hinaus an sein Tagwerk,
an seine Arbeit bis zum Abend.
Herr, wie zahlreich sind deine Werke!
Mit Weisheit hast du sie alle gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen.
Ich will dem Herrn singen, solange ich lebe,
will meinem Gott spielen, solange ich da bin.
Zum Nachdenken
Samenkörner
Es war einmal ein Mensch, der betrat einen Laden. Er war ganz überrascht, denn hinter der Ladentheke stand ein Engel. Verwirrt fragte er: "Was verkaufen Sie?" "Alles" antwortete der Engel. "Oh, prima", meinte der Mensch und legte los: "Dann hätte ich gern: Gute Freunde, Menschen, die mich verstehen, gute Noten in der Schule, viel Zeit für mich selbst und Frieden für alle Menschen ...."
Der Engel unterbrach ihn: "Entschuldigen Sie, Sie haben mich da missverstanden. Wir verkaufen keine Früchte; wir haben lediglich den Samen . . .!"
Wie sagen wir heute (ernte)dank?
Nach wie vor halten Essen und Trinken Leib und Leben zusammen. Aber noch im 19. Jahrhundert haben die Menschen den Wechsel von Saat und Ernte intensiver wahrgenommen. Eine gute Ernte sicherte das Überleben der Familie während des Winters - eine schlechte Ernte konnte den Tod bedeuten. Heutzutage erhält das Erntedankfest durch die Globalisierung und weltweite Handelsbeziehungen andere Schwerpunkte:
Das "Teilen" der Ernte, ein Aspekt der schon immer mit dem Erntedankfest verbunden wurde, rückt mehr in den Vordergrund. Viele Gemeinden gedenken an diesem Tag der hungernden Teile der Weltbevölkerung und sammeln in ihren Kollekten für "Brot für die Welt" oder ähnliche Organisationen.
Es stehen immer mehr ökologische Aspekte im Vordergrund. Die Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre machen uns bewußt, dass der Dank für die Ernte verbunden ist mit verantwortlichem ökologischen Handeln. Gesunde, unbedenkliche Lebensmittel sind "Luxusgüter" geworden. Die allgemeinen und weitestgehend selbst verursachten Klimaveränderungen und dadurch vermehrt auftretenden Naturkatastrophen stellen unsere als sicher geglaubte Nahrungs- und Energieversorgung langfristig wieder in Frage.
Texte und Lieder
Gedichte
Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Rainer Maria Rilke
Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Rainer Maria Rilke
Herbstlieder
Bunt sind schon die Wälder
1. Bunt sind schon die Wälder,
Gelb die Stoppelfelder,
Und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen,
Graue Nebel wallen,
Kühler weht der Wind.
2. Wie die volle Traube
Aus dem Rebenlaube
Purpurfarbig strahlt!
Am Geländer reifen
Pfirsiche, mit Streifen
Rot und weiß bemalt.
3. Flinke Träger springen,
Und die Mädchen singen,
Alles jubelt froh!
Bunte Bänder schweben
Zwischen hohen Reben
Auf dem Hut von Stroh.
4. Geige tönt und Flöte
Bei der Abendröte
Und im Mondesglanz;
Junge Winzerinnen
Winken und beginnen
Frohen Erntetanz.
Johann Gaudenz
Wir pflügen und wir streuen
1. Wir pflügen und wir streuen
Den Samen auf das Land,
Doch Wachstum und Gedeihen
Steht in des Himmels Hand:
Der tut mit leisem Wehen
Sich mild und heimlich auf
Und träuft, wenn heim wir gehen,
Wuchs und Gedeihen drauf.
(Refrain)
Alle gute Gabe
Kommt her von Gott dem Herrn,
Drum dankt ihm, dankt
Und hofft auf ihn.
2. Er sendet Tau und Regen
Und Sonn- und Mondenschein
Und wickelt seinen Segen
Gar zart und künstlich ein
Und bringt ihn dann behende
In unser Feld und Brot:
Es geht durch unsre Hände,
Kommt aber her von Gott.
3. Was nah ist und was ferne,
Von Gott kommt alles her,
Der Strohhalm und die Sterne,
Das Sandkorn und das Meer.
Von ihm sind Büsch und Blätter
Und Korn und Obst, von ihm
Das schöne Frühlingswetter
Und Schnee und Ungestüm.
4. Er läßt die Sonn aufgehen,
Er stellt des Mondes Lauf;
Er läßt die Winde wehen
Und tut die Wolken auf.
Er schenkt uns so viel Freude,
Er macht uns frisch und rot;
Er gibt dem Viehe Weide
Und seinen Menschen Brot.
Matthias Claudius

