19.09.2018

„Ich denke, dass ich viel bewusster geworden bin mit dem Tod“

Ein Freiwilliges Soziales Jahr im Simeon-Hospiz und Friederike-Fliedner-Hospiz

„Ich dachte, dass ich mehr weinen würde, weil ich so nah am Wasser gebaut habe“, sagt Elisabeth. „ich bin schon mal auf den Flur gegangen, um zu weinen, aber eigentlich kann ich gut eine Linie ziehen, dass es mich nicht so mitnimmt“. Schwieriger findet sie, wenn die Angehörigen Abschied nehmen. „da gab es so schöne Momente, da war so viel Liebe zwischen ihnen zu spüren, da musste ich weinen“. „Mir fiel es dann leichter, wenn ich mich verabschieden konnte“, sagt Lena.

Elisabeth Knauer und Michiel Snoeken machen ein Freiwilliges Soziales Jahr im Friederike-Fliedner-Hospiz im Evangelischen Geriatriezentrum Reinickendorf (EGZB), Lena Paasche im Simeon-Hospiz im Evangelischen Johannesstift (EJS).

Lena hatte vorher recherchiert und fand die Einsatzstelle interessant „Meine Frage war, wie gehen die Leute mit ihrem Schicksal um? Dass man nochmal mit den Leuten reden kann und auch lachen, hat sich bewahrheitet. Es ist ganz anders, weil es darum geht, die letzte Zeit so gut wie möglich zu nutzen“. Michiel hatte in den FSJ-Seminaren Elisabeth und Lena aus ihrer Arbeit erzählen hören. Nach einigen Monaten in der WG für demenziell Erkrankte im Jochen-Klepper-Haus im EJS suchte er noch eine andere Herausforderung. Dafür nahm er den weiten Fahrweg aus dem Johannesstift in Kauf. Dort hat er in der FSJ-WG einen Wohnplatz, denn Michiel kommt aus Amsterdam.

„Meine Freunde waren anfangs schockiert, mit der Zeit haben sie aber begonnen, Fragen zu stellen, sagt Lena. „Ich dachte, dass der Tod mehr Präsenz hat, dass mehr Redebedarf wäre. sagt Elisabeth.

Alle drei Freiwilligen sind in der Hauswirtschaft eingesetzt. Michiel hat Gäste auch bei Aktivitäten, wie der Kunsttherapie, begleitet:„ Nachmittags habe ich immer Kaffee und Kuchen, die ich morgens selber gemacht habe, rundgebracht. Solche Aufgaben haben mir am meisten Spaß gemacht. Eine Einladung zur Kunsttherapie oder Kuchen waren zum Beispiel ein ganz guter Grund, in ein Zimmer rein zu laufen, und daraus hat sich ganz oft ein ganz schönes Gespräch entwickelt. Ganz oft waren Leute auch begeistert, dass ein 18-jähriger Junge mit selbstgebackenem Kuchen vorbei kam.“

„Wenn wir die Kaffee- oder Wasserrunde machen, kommen wir leicht ins Gespräch, weil es so ungezwungen ist. Wir schauen, dass wir die Gäste zusammenbringen z.B. auf die Terrasse“, bestätigt Lena diese Erfahrung. „Ich bin von Anfang an mit den Gästen im Garten spazieren gegangen. Noch näher wurde der Kontakt zu ihnen, als ich vor ein paar Wochen angefangen habe in die Pflege reinzuschauen“, sagt Elisabeth.

„Unvergesslich für mich war ein Moment, als eine Frau, die im Sterben lag, und nur noch halb bei Bewusstsein, in der Wasserrunde die Hand nach mir ausstreckte. In dem Moment war sie sehr glücklich.“, sagt Lena.

Elisabeth erzählt von einer Szene wo die Musiktherapeutin und Gäste in der Küche waren und plötzlich alle mit den Küchenkräften sangen und tanzten. „ Wenn jemand weint, steht zur Verfügung, wer gerade da ist, ob Köchin oder Seelsorgerin.“ „Am einfachsten ist es, wenn Humor da ist“, sagt Lena, „ein Gast unterbrach ein Telefonat als ich mit Wasser kam mit dem Satz: Meine Freundin sitzt gleich neben mir.“

Michiel erzählt von einem Gast: „Wir haben immer über alles Mögliche geredet und das war sehr schön für uns beide. Es hat sich irgendwie eine Freundschaft entwickelt zwischen zwei ganz unterschiedlichen Generationen. Ich wurde dann auch gefragt, ihn einen ganzen Tag zu begleiten, bei einer Operation im Krankenhaus. Das war so eine Erfahrung die man nie mehr vergisst“.

Die Arbeit im Hospiz finden sie alle sehr wichtig. „Für die Gäste sind wir die letzten Menschen, die sich um sie kümmern, und wenn keine Angehörigen da sind, sind wir die Familie. Schwer ist nur manchmal, wenn das Sterben lange dauert, weil so viel im Inneren rotiert, das Nicht loslassenkönnen.

Schwer ist auch, mit dem Satz „ich will nicht mehr“ umzugehen. „Es gibt nicht die Antwort darauf“, sagt Elisabeth, „aber es wird auch keine von uns erwartet, nur Zuwendung und ein Ohr zu haben.“

Hat sich ihr Blick auf Tod und Sterben verändert? „Wir sind bei einem Sterbenden geblieben, damit er nicht alleine ist, bis seine Frau kommt. Die Atmung veränderte sich und dann ging er. Es war so beeindruckend, bei einem so intimen Moment dabei sein zu dürfen. Ich habe kaum noch Angst vor dem Tod, konnte auch meine Oma besser gehen lassen, weil ich sah, dass es ein schöner Tod war“, sagt Elisabeth. Auch Lena hat weniger Angst vor dem Sterben. „Man sieht, wie hier auf alle Bedürfnisse eingegangen und den Angehörigen die Angst genommen wird.“

Elisabeth hat den Eindruck, dass ihr eigener Glaube für die Arbeit eine Rolle spielt. Eine Demenzerkrankte kann sie erfreuen und leiten mit Kirchenliedern. Diese Frau ist gestärkt von dem Vertrauen, dass etwas Gutes auf sie wartet und sie von Engeln abgeholt wird. „Ich fühle mich nicht in der Lage, die Angst zu nehmen, weil ich auch nicht weiß, was kommt, aber die Vorstellung ist schön, dass sich die Seele aus dem Körper lösen muss. Mir gibt das ein gutes Gefühl, so dass ich Leute gut gehen lassen kann.“

„Ich denke, dass ich viel bewusster geworden bin mit dem Tod“, sagt Michiel. „Einerseits schätzt man das Jung- und-gesund-sein viel mehr, aber anderseits spürt man auch mehr Druck, dass man die Zeit immer nützlich einteilen muss“.

Wichtig war für die Freiwilligen, dass sie so gut in ihrer Arbeit begleitet wurden bei jedem neuen ersten Schritt. „Als ich das erste Mal einen Toten sah, das erste Mal jemand gewaschen habe... immer wurde gleich nachgefragt, ob es okay ist und wie es mir geht.“ „Den eigenen Platz zu finden und sich als wertvoller Mitarbeiter zu fühlen, ist eine Herausforderung, aber das Team und manche Gäste haben das leicht gemacht“, sagt Michiel.

Auch der Seminartag „Leben, Tod und Sterben“ mit Christine Knop wurde von ihnen als hilfreich empfunden.

Und nach dem Freiwilligendienst? Lena will noch 6 Monate im Hospiz verlängern. Erst noch mal ins Ausland, sagt Elisabeth. Danach was Soziales, sagen beide. Lena würde irgendwann mal eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin reizen. Michiel studiert Physik.

Müssen es außergewöhnliche Menschen sein, die ein Freiwilliges Soziales Jahr im Hospiz machen wollen? Ja und nein.

Interessierte für einen Freiwilligendienst im Hospiz sollten offen, kommunikativ und reflexionsfähig sein, tatkräftig, mitfühlend, aber auch in der Lage, sich abzugrenzen. Im Grunde also das, was in jeder Einsatzstelle in der sozialen Arbeit wichtig ist. Und doch, diese drei jungen Menschen sind außergewöhnlich in der Mischung aus Tiefgang und Leichtigkeit, die sie in ihren Arbeitsalltag einbringen.

Wir danken ihnen sehr, dass sie einen Teil ihres Lebens hier für andere einsetzen.

Silke Krenzer

Referat Freiwilligendienste

Diakonisches Bildungszentrum

Evangelisches Johannesstift

www.fsj-johannesstift.de

Tel.: 030-33609 2123