Eindrücke von Freiwilligen

In einem kurzen Film-Interview erzählt eine Teilnehmerin des Freiwilligen Sozialen Jahres über ihre Motivation und Erfahrungen.

 

Annika und Hannes berichten von ihren Erfahrungen im FSJ im Bereich der Begleitung von erwachsenen Menschen mit Behinderung.

 

„Denke positiv. Finde Menschen.“

Ein Gespräch mit Ahmadin A., Geflüchteter aus Afghanistan im Bundesfreiwilligendienst in der Behindertenhilfe des Evangelischen Johannesstifts

Es war ein langer Weg hierher. Im Oktober 2015 ist Ahmadin mit seinem damals 16jährigen kleinen Bruder über Serbien und Bulgarien bis Wien gekommen. Da verlor er den kleinen Bruder. Über München führte seine lange verzweifelte Suche nach ihm bis Eisenhüttenstadt, der Sammelstelle, von der aus die Geflüchteten in Brandenburg verteilt wurden. Falkensee, Elstal, Dallgow und schließlich Nauen waren seine Stationen. Sein kleiner Bruder landete derweil in Regensburg. Eine Zusammenführung war bisher nicht gestattet, da er als Minderjähriger in eine Betreuungsform gehörte.

Ahmadins Sechser im Lotto war, dass Alexandra L. als ehrenamtliche Deutschlehrerin in sein Wohnheim kam und zu seiner hartnäckigen Unterstützerin wurde. Sie wurde aufmerksam darauf, dass Geflüchtete im Evangelischen Johannesstift einen Bundesfreiwilligendienst machen können und nahm Kontakt auf zum Referat Freiwilligendienst. Die Behindertenhilfe signalisierte Offenheit und Nebo stellte sich schnell als geeignete Einsatzstelle heraus.

Am Anfang war alles neu. In Afghanistan bleiben Menschen mit Behinderung in ihren Familien, die sich um sie kümmern müssen oder sie werden isoliert. Dass sie in Deutschland in einer Einrichtung leben, war ihm sehr fremd. Beim ersten Besuch auf mehreren Gruppen NEBOs war Ahmadin schockiert. „Aber ich dachte: Einfach gucken. Denke positiv. Finde Menschen. Wenn du einen Unfall hast, bist du auch behindert.“

Als Ahmadin in Deutschland ankam, sprach er mehrere Sprachen Afghanistans, der angrenzenden Länder und manches mehr, hatte dort bereits als Übersetzer gearbeitet. Bei einem der ersten Seminartage wurde er bewundert für die vielen Sprachen, die er konnte. „Zuerst habe ich hier angefangen, deutsch zu lernen“, sagte er, „jetzt kann ich auch behindert.“ Er ist ein Kommunikationstalent, das Gestik und Mimik lesen kann und schnell eine Ebene findet, mit allen zu kommunizieren. Auch in seinem Wohnheim gab es viele Nationalitäten. „ 120 Sprachlose“, sagt er und begleitete sie alle, beispielsweise, wenn sie mal ins Krankenhaus mussten.

Seine Sprachkenntnisse wuchsen mit jedem Sprachkurs, die er konsequent aneinander reihte bis zum Integrationstest „Leben in Deutschland“, den er locker bestand.

Bei NEBO wurde er gleich mit offenen Armen empfangen, sagt Anja Krause, Teamkoordinatorin. Mit einem griechischen und indischen Kollegen fand sich schnell eine gemeinsame Sprache. Bei den Bewohner*innen war er gleich sehr beliebt, bis dahin, dass manche sein Foto vom Dienstplan in ihr Zimmer mitnehmen, erzählt sie. Wissbegierig sei er, wenn er mal einen Fehler machte, habe er das Gelernte sofort umsetzen können.

Wenn nach dem Spätdienst auf der Gruppe bei NEBO Ruhe einkehrte, setzten sich die Kolleg*innen mit ihm zum Lernen hin. „Ich habe die Lösung erst alleine gesucht“, sagt er, „und wenn ich nicht weiter kam, haben sie mit mir die Hausaufgaben gemacht. Ich kam und war einsam. Ich habe hier angefangen und Kollegen getroffen. Es sind Freunde geworden.“

Schön findet er, wie die Bewohner*innen der Gruppe miteinander umgehen. „Wenn sie von der Arbeit kommen, trinken sie erst mal Kaffee. Sie sind ganz lieb miteinander, so sehr haben sie sich den ganzen Tag vermisst, und dann reden sie mindestens zwei Stunden.“

Er mag es auch, mit den Bewohner*innen zu malen. „Wir lachen immer mit ihnen“, sagt er, „sie kommen zu dritt und stellen alle gleichzeitig eine Frage.“

Von den Seminartagen der Freiwilligen, an denen er teilnahm, hat ihn besonders der Tag über alte Menschen und Demenz sehr interessiert und die Exkursion in Moschee und Synagoge. In der Synagoge hat er die anderen Freiwilligen mitgerissen mit seinen Fragen und als er dabei feststellte, wie ähnlich sich die beiden Religionen seien. „Aber Menschen sind wichtiger als Religionen“, sagt er. Auch wenn er gut begründen kann, warum Alkohol im Islam verboten ist. „Hand und Finger sind auch nicht gleich.“

Im Wohnheim konnte niemand begreifen, warum er einen Freiwilligendienst macht. „Du lügst“, sagten sie, „du gehst doch arbeiten wie wir.“ „Es ist ein Praktikum, ich lerne Deutsch und sie bezahlen meine Sprachschule.“, sagte er dann. „Sie haben nicht verstanden, warum ich hier eineinhalb Jahre für wenig Geld arbeite. Aber sie haben keine Perspektive und ich schon, auch wenn es immer sehr viel Angst gibt, dass ich wieder ausgewiesen werde.“

Er ist in die berufsbegleitende Ausbildung zum Heilerziehungspfleger an den Sozialen Fachschulen des Johannesstifts aufgenommen und wartet nun darauf, dass eine Klasse starten kann. Möglich ist das, weil er bei NEBO seit März eine Teilzeitanstellung hat und dazu die Erfahrung des Freiwilligendienstes. Das reicht, um ohne anerkanntes Abitur zu starten. Alle haben daran mitgearbeitet, seine Mentorin Alexandra L., die Behindertenhilfe und Anna Bruns vom Referat Freiwilligendienste.

Die Vorstellung, noch mal drei Jahre zu benötigen, um auf eigenen Füßen stehen zu können, fällt ihm dennoch schwer. Er ist jetzt 29 Jahre alt und verdient immer noch nicht viel Geld. „Ich kann meine Probleme selber lösen“, sagt er, „aber nicht alle.“ Es waren lange Diskussionen, ob wirklich eine Ausbildung der richtige Weg ist. Aber er weiß, es ist seine einzige Chance auf eine Bleibeperspektive. Mit dem Stempel auf dem Ausbildungsvertrag muss und darf er endlich aus dem Wohnheim ausziehen, immerhin in ein eigenes Zimmer im Johannesstift. Kein täglicher Fahrtweg mehr aus Nauen.

Anja Krause erzählt, wie mühelos der Sprung vom Freiwilligen zum Mitarbeiter im Gruppendienst war. In sehr kurzer Zeit habe er gelernt, Medikamente zu stellen, sich in die Dokumentation am PC einzuarbeiten und könne alleine arbeiten.

Schwer falle ihm noch so etwas wie Urlaubsplanung. Er habe einen starken Willen und sei ein Ausnahmetalent.

„Er ist begabt und engagiert“, sagt auch Alexandra L., „aber man muss dranbleiben. Menschen wie Ahmadin versuchen etwas für die Gesellschaft zu leisten, aber es werden ihnen ständig neue Hindernisse in den Weg gestellt. Viele Unterstützer geben auf, weil sie das zerfrisst“, sagt sie. „Afghanistan zählt als sicheres Land, doch eine Abschiebung würde seinen Tod bedeuten. Er hat die Listen gesehen, auf denen er steht. Mit einem Ausbildungsvertrag in einem Pflegeberuf ist er hoffentlich erst mal sicher. Nicht viele schaffen es, dass eine Tür aufgeht und es heißt, du kannst bleiben. Er hat Glück mit seiner Art, die bei anderen Sympathien weckt. Wir haben beide viel voneinander gelernt.“

Sein Traum war, hier leben zu können. Ansonsten hat Ahmadin aufgehört, zu träumen. Es gibt kaum noch Kontakt nach Hause, zu seiner Frau und seiner Familie. Seine ganze Hoffnung ist, dass er wieder mit seinem kleinen Bruder zusammen sein kann.

Dieses Jahr läuft das Sonderprogramm Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug aus. Das Referat Freiwilligendienste des Evangelischen Johannesstifts wird weiterhin versuchen, Geflüchtete auch über das geringer geförderte Regelprogramm Freiwilliges Soziales Jahr in Einsatzstellen zu vermitteln, um sie bei der Integration zu unterstützen und eine Perspektive zu ermöglichen.

Silke Krenzer

Referat Freiwilligendienste

Diakonisches Bildungszentrum
Evangelisches Johannesstift