19.03.2021

Corona-Krise: Beratung für Familien in Not

Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Spandau auch im Lockdown geöffnet

Vater und Tochter beim lernen - Quelle: spass - stock.adobe.comIn der Corona-Krise bietet die Erziehungs- und Familienberatungsstelle der Johannesstift Diakonie Jugendhilfe in Spandau zusätzlich zu persönlichen Gesprächen auch telefonische und Video- oder Online-Beratungen an. Als eine von zehn Berater*innen gibt Karin Löffelmann Tipps für diese herausfordernde Zeit.

Viele Familien seien im zweiten Lockdown organisierter und gefasster, dennoch steige die psychische Belastung zu Hause, da wesentliche Grundbedürfnisse wie zum Beispiel Sicherheit und Zugehörigkeit derzeit nur eingeschränkt oder gar nicht erfüllt werden können, erklärt Karin Löffelmann. Darüber hinaus sei die mehrfache Belastung für Eltern nur schwer zu bewältigen. So müssten sie zusätzlich zu ihrer Elternrolle noch die Rollen der Lehrer*innen, Freund*innen und Vertrauten einnehmen und das mit schwindenden Kräften. Es entstehe ein Mikrokosmos Familie mit keinen oder wenigen Kontakten nach draußen und mit einem „Brennglas-Effekt“, der Probleme verstärke, die vorher schon da waren.

Karin Löffelmann: „In den Beratungen berichten Eltern, Kinder und Jugendliche von zunehmenden Konflikten zu Hause, von auftretenden Ängsten, Niedergeschlagenheit und Erschöpfung. Das gesamte Familiensystem ist in einem hohen Stresszustand, nicht mehr nur einzelne Familienmitglieder. Es muss allen bewusst sein, dass wir in dieser Ausnahmesituation anders reagieren als sonst und dass das eine normale Reaktion auf eine außergewöhnliche Situation ist.“

Deshalb, so Karin Löffelmann weiter, dürfen und sollen Eltern gerade jetzt nachsichtiger sein als sonst. Sowohl mit sich selbst als auch den anderen Familienmitgliedern gegenüber. Die Beziehungen untereinander und gemeinsame freudvolle Momente sollten über die Pflichterfüllung gestellt werden. Es sei für alle eine große Herausforderung, die nur gemeinsam gestemmt werden könne.

Feste Tagesabläufe, Fokus auf positive Dinge und Bewegung

Karin Löffelmann gibt aber auch ganz praktische Tipps, die Eltern konkret zu Hause umsetzen können. Sie sagt, feste Rituale und ein gut strukturierter Tagesablauf, der bis auf das Wochenende jeden Tag gleich abläuft, seien die Basis und vermittelten Sicherheit und Verlässlichkeit.

Besonders wichtig sei es auch, dass sich Eltern auf das Positive in der Familie und bei den Kinder und Jugendlichen konzentrieren. Karin Löffelmann empfiehlt, diese positiven Dinge zum Beispiel in einem abendlichen Ritual gemeinsam mit den Fragen „Was war heute gut? Was hat mir heute gefallen?“ zu thematisieren. Und es zählt jede Kleinigkeit, wie zum Beispiel der besonders gute Kakao am Morgen oder zehn Minuten in Ruhe mit der Freundin zu telefonieren; jede kleine „Sternstunde“ des Tages und jedes Familienmitgliedes zählen. „Wir müssen unserem Gehirn helfen, ganz bewusst das Gute nicht aus den Augen zu verlieren“, so die Beraterin.

Durch tägliche Bewegung wird ebenfalls Stress abgebaut und man bleibt fit. Das können Familien auch drinnen einfach umsetzen, zum Beispiel mit Tanzen zur Lieblingsmusik, durch Yoga über Youtube im Wohnzimmer bzw. draußen auf dem Spielplatz oder bei einem Waldspaziergang. Natur hat ebenfalls eine positive Wirkung auf unser Stresssystem und auf unsere Stimmung.

Zeit für sich und Entspannung helfen

Karin Löffelmann betont, Eltern sollten sich unbedingt auch Zeiten für sich alleine schaffen. Schon fünf Minuten alleine beim Kaffee ohne Ablenkung, 15 Minuten in der Badewanne oder einmal um den Block gehen bringen Erleichterung. Alles, was gut tut, sollte im Tagesablauf fest eingeplant und umgesetzt werden, um die eigene Batterie wieder ein klein wenig aufzuladen.
Außerdem gibt sie Tipps für schnelle Entspannungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel tiefe bewusste Bauchatmung (wobei länger aus- als eingeatmet werden soll), zu summen, singen oder seufzen und kurz verschiedene Muskeln anzuspannen und wieder loszulassen oder ganz bewusst an etwas sehr Schönes zu denken (Tagträume und Luftschlösser bauen sind auch erwünscht). Ebenso können angeleitete Fantasiereisen hilfreich sein.

Und sollte sich trotz aller Vorkehrungen der Streit zuspitzen, sollten der Ärger, die Sorgen und Wünsche unbedingt früh genug ohne Vorwürfe angesprochen werden. Eine regelmäßige Familienkonferenz mit allen Familienmitgliedern könnte hilfreich sein, damit Konflikte nicht eskalieren. Dabei sei es wichtig, auch kleinere Kinder zu beteiligen und sich gegenseitig aufmerksam zuzuhören, erklärt Karin Löffelmann.

Falls Familien aus der Stress- und Streitspirale nicht mehr alleine herauskommen, falls das Gefühl vorherrscht, dass einem alles über den Kopf wächst, oder wenn es Fragen zu Familie und Erziehung gibt, dann können sich Eltern, Kinder, Jugendliche und Großeltern an die Erziehungs- und Familienberatungsstelle der Johannesstift Diakonie Jugendhilfe wenden. Die Beratungen sind kostenfrei, werden vertraulich behandelt und können auch über Telefon oder Videokonferenz durchgeführt werden. 

Anmeldung: 030 33614-29