22.12.2020

„Eine gut gebildete Bevölkerung ist das Aushängeschild eines Landes“

Ein Bildungstalk mit Stiftsvorsteherin Anne Hanhörster und dem „Kinder beflügeln“-Team

Bildungschancen hängen stark von der sozialen Herkunft ab. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle im Auftrag der Kulturministerkonferenz sowie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erstellte Nationale Bildungsbericht. Das haben Stiftsvorsteherin Anne Hanhörster und das "Kinder beflügeln"-Team um Projektleiterin Claudia Lukat und Projektmanager Stefan Groß-Leisner zum Anlass genommen, um sich über Herausforderungen für den Bildungssektor und für die Kampagne „Kinder beflügeln“ auszutauschen.

Ein Bildungstalk im Evangelischen Johannesstift legt die Frage nahe: Was hat denn Bildung mit der Kirche zu tun?

Anne Hanhörster: Das Christentum ist eine Wort-, beziehungsweise Buchreligion. Das heißt, wenn man die Gläubigen beteiligen will, müssen diese lesen können. Und über die Buchstaben kommen die Zahlen und die Fähigkeit, diese Welt zunehmend zu verstehen. Das hat dazu geführt, dass in unserem heutigen christlichen Weltbild der aufgeklärte Mensch zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist.

Das Evangelische Johannesstift war immer auch ein Ort der Bildung. Johann Hinrich Wichern, der Gründer des Evangelischen Johannesstifts, hat Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Ausbildung von Diakonen, den damals sogenannten „Brüdern“, begonnen. Mit jenen entwickelte er eine neue Form der Jugendhilfe. Heute haben wir auf dem Gelände unter anderem eine Evangelische Schule, Soziale Fachschulen und unsere Jugendhilfe-Kampagne „Kinder beflügeln“. Diese ist zu einem festen Bestandteil der Bildungslandschaft in Berlin geworden.

Warum ist Bildung eigentlich ein so wichtiges Thema?

Anne Hanhörster: Bildung ist für mich da A und O – die Grundlage einer Gesellschaft. Sie sorgt für Frieden und soziale Gerechtigkeit. Eine gut gebildete Bevölkerung ist gleichsam Reichtum und Aushängeschild eines Landes. Bildung stärkt auch die Integration. Wenn Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen und Ländern gemeinsam lernen, dann haben sie auch ein gemeinsames Fundament. Bildung schafft Zugang zu dieser Gesellschaft, zu Arbeit und zu gesellschaftlicher Anerkennung.

Claudia Lukat: Für mich geht es bei Bildung auch ganz stark um Vorbildwirkung und Präsenz. Und diese wirkt schon am ersten Tag eines Lebens und betrifft all die Menschen, die Kinder umgeben. Die Kinder lernen selbst zu atmen, sich zu drehen und zu wenden, aber wenn man sich mit einem Kind nicht beschäftigt und ihm keine Orientierung und Resonanz gibt – zum Beispiel weil man es nur in seinem Gitterbettchen lässt – dann entwickelt es sich auch nicht gut weiter. 

Wenn wir von früher Förderung sprechen: Im aktuellen Bildungsbericht ist nachzulesen, dass 22 Prozent der Drei- bis unter Sechsjährigen bei Kitaeintritt nur schlecht Deutsch sprechen. „Kinder beflügeln“ setzt ja in den Grundschulen an. Sind Sie dann nicht ein Stück weit davon abhängig, was vorher passiert?

Claudia Lukat: Es wäre schön, wenn vorher ganz viel passieren würde. Uns gibt es aber auch gerade deswegen, weil vorher an ganz vielen Orten nicht so viel passiert.

Anne Hanhörster: Ich höre immer wieder von Lehrerinnen und Lehrern, wie herausfordernd die ersten Klassen in Stadtteilen mit hohem Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund sind. Viele Kinder sprechen kein Deutsch, haben keine Kita besucht und kennen keine Lernatmosphäre. Für diese Kinder ist die erste Schulzeit hart. Genauso für die Lehrerinnen und Lehrer, die unter diesen Voraussetzungen eine gute Unterrichtsatmosphäre schaffen müssen.

Laut Bildungsbericht hängen Bildungschancen stark von der sozialen Herkunft ab. Wie kann es „Kinder beflügeln“ gelingen, das zu durchbrechen?

Stefan Groß-Leisner: Zunächst haben wir als Kampagne darauf, wie Bildung in Berlin und Deutschland systemisch funktioniert, nahezu keinen Einfluss. Aber wir können Leuchtturmprojekte initiieren und aufzeigen: Hier klappt etwas richtig gut. Wie machen wir das? Wir holen die Bildung aus dem abgeschlossenen Schulraum heraus und gestalten einen Raum, in dem die Kinder ein Bildungserlebnis haben können. Dort erfahren Kinder mit allen Sinnen, dass Bildung Spaß macht, indem sie zum Beispiel im Forschergarten bei der KinderSommerUni experimentieren und über eine Woche eine Gemeinschaft bilden.

Claudia Lukat: Im besten Falle merken die Kinder in unseren Projekten im ersten Moment gar nicht, dass sie etwas lernen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Kinder lernen, sich mehr zuzutrauen. Unser Ansatz ist, sie jetzt wertzuschätzen: Du bist gut und du kannst was! Denn wenn Kinder ständig an sich selbst zweifeln, dann machen sie irgendwann zu und ihre Zukunft wird düster. Die vierte bis sechste Klasse ist ein entscheidender Zeitabschnitt. Hier kann man ihnen das nötige Selbstbewusstsein noch mit auf den Weg zu geben. 

Wie entscheiden Sie, wo Sie unterstützen?

Stefan Groß-Leisner: Wir gehen seit über zehn Jahren dahin, wo es brenzlig ist. Im Monitoring Soziale Stadtentwicklung ist ja gut dargelegt, wo es richtig schlecht läuft, anhand von Zahlenangaben zu Kinderarmut, Transfergeldern oder Arbeitslosigkeit. Demnach haben rund 20 Prozent der Berliner Planungsräume einen niedrigen oder sehr niedrigen sozialen Statusindex (das betrifft 774.000 Menschen in Berlin). Dort gehen wir in die sogenannten Brennpunktschulen, um die Kinder zu erreichen, die durch ihre Herkunft, durch mangelnde Ausstattung und Infrastruktur benachteiligt sind. Und wo auch schon klar ist: Nur wenige schaffen hier ein Abitur.

Claudia Lukat: Da wir nicht nach dem Gießkannenprinzip arbeiten, sondern gezielt Dinge umsetzen möchten, haben wir mittlerweile zehn Kooperationsschulen, an denen wir mehrere Bausteine von „Kinder beflügeln“ anbieten.

Stefan Groß-Leisner: Das hat sich auch bewährt. Durch die Kooperationen konnten wir an den Schulen, wo große Herausforderungen anstehen, dranbleiben. Die Beziehungsarbeit kostet sehr viel Zeit und Energie und fordert Geduld. Denn die Situation ändert sich nicht so schnell. Man kann auch in dem Bildungsbericht gut ablesen, dass ein Großteil der Sozialräume, in denen die Situation nicht gut ist, ziemlich konstant bleibt. An manchen Schulen helfen wir schon seit zehn Jahren und trotzdem ist es immer noch schwierig und schlimm. 

Rennen Sie an den Schulen immer offene Türen ein?

Claudia Lukat: Die Reaktionen, die wir erhalten, sind rundum positiv. In meiner langjährigen Tätigkeit ist es nur einmal – ganz zu Beginn – passiert, dass mir eine Schulsekretärin gesagt hat: So einen Quatsch machen wir hier nicht. Ich bin ja ziemlich schlagfertig, aber in dem Moment war auch ich baff (lacht).

Hat sich mit den Jahren etwas in Ihren Arbeitsfeldern verändert?

Claudia Lukat: Die Lesekompetenz der Kinder hat sich verschlechtert. Das merken wir zum Beispiel bei unseren Leseabenteuern, die wir inzwischen konzeptionell an die gesunkenen Kompetenzen angepasst haben. Ich habe auch den Eindruck, dass die Aufmerksamkeitsspanne früher größer war. Heute wirken die Kinder erschöpft, wenn sie am Freitagabend für die Leseabenteuer zu uns in das Evangelische Johannesstift kommen. Auch bei den Lehrerinnen und Lehrern ist eine Veränderung zu spüren. Selbst die Engagiertesten klagen über grenzwertige Belastungen im Schulalltag. Das war früher vielfältiger und rührt daher, dass die Lehrerinnen und Lehrer inzwischen viele Dinge abdecken, für die früher ausschließlich die Eltern zuständig waren.

Anne Hanhörster: Heute ist von Lehrerinnen und Lehrern deutlich mehr soziale Arbeit gefordert. Dafür werden sie durch ihre Ausbildung nicht genügend vorbereitet. Kinder ticken heute sehr unterschiedlich. Sie kommen aus unterschiedlichsten Kulturen, manche werden streng erzogen, manche werden gar nicht erzogen. Das hat sich unglaublich ausdifferenziert. 

Aus dem Bildungsbericht geht hervor, dass die Bildungsausgaben in Deutschland zwar konstant sind, aber im Europäischen Vergleich unterdurchschnittlich hoch. Wie wichtig ist denn Geld, wenn es um Bildung geht?

Anne Hanhörster: Es geht immer um genügend gut ausgebildetes Personal, und das gibt es nicht umsonst. Es dürfen einfach keine Klassen mit 28 Schülerinnen und Schülern gebildet werden, von denen die Hälfte nicht ausreichend die deutsche Sprache spricht. Denn dann reicht eine Person da vorne im Klassenzimmer nicht mehr aus.

Claudia Lukat: „Kinder beflügeln“ ist auch deswegen so erfolgreich, weil wir die Klassen durch Drei teilen und meist zu zweit oder in größeren Teams arbeiten. Dadurch erhalten die Schülerinnen und Schüler sehr viel Aufmerksamkeit. Das allein ist schon etwas Tolles, was die Kinder so nicht kennen. Da entsteht Raum für Beziehung und die Besonderheit der einzelnen Kinder muss nicht die Gesamtgruppe stören, sondern kann – gut begleitet – als Gewinn für die ganze Gruppe wahrgenommen werden.

Welches Feedback erhalten Sie für Ihre Arbeit?

Stefan Groß-Leisner: Wir haben eine Evaluation zu „Kinder beflügeln“ erstellen lassen, die deutlich gemacht hat, dass wir eine große Akzeptanz seitens der Lehrenden, den Schülerinnen und Schülern und bei externen Kooperationspartnerinnen und -partnern genießen. Da müssen wir uns nicht sorgen. Für mich sind jedoch besonders jene Momente wichtig, in denen man sieht, wie die Kinder über ihren eigenen Horizont gucken, sich anders wahrnehmen und gemeinsam mit anderen über sich selbst hinauswachsen.

Claudia Lukat: Dafür lohnt es sich, diese Arbeit zu machen.