15.09.2011

Ein Märchen wird wahr: "Lesen im Park" mit LesArt und "Kinder beflügeln"

Es waren einmal zwanzig Kinder aus Berlin, die einte ein gemeinsames Verlangen, das sie tief in ihren Herzen trugen: Sie wollten lesen, dicke Märchenbücher, und zwar von dem Beginn der Dämmerung bis tief in die Nacht. Das ist eine wahre Geschichte. Ermöglicht wurde sie durch die Kooperation von LesArt, dem Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur, und „Kinder beflügeln“, der Bildungskampagne des Evangelischen Johannesstifts. Beide Organisationen arbeiten eng zusammen, um Kinder und Jugendliche für das Lesen zu begeistern. Bei der berlinweiten Sommerferienaktion „Lesen im Park“ 2011 stand unter anderem auch das Thema Märchen im Mittelpunkt.

Rotkäppchen, Aschenputtel, Frau Holle – den sechs- bis dreizehnjährigen Kindern, die bei den Lese-Aktionen auf dem Gelände des Evangelischen Johannesstifts dabei waren, erging es nicht anders, als schon Generationen vor ihnen: Die Geschichten zogen sie in ihren Bann. Märchen schaffen das – auch im Zeitalter von schnell geschnittenen Fernsehbildern und Computerspielen. „Wir haben die Märchen in ihrer Ursprungs- und nicht in einer modernen, abgewandelten Version gelesen. Die Geschichten laden dazu ein, in andere Welten einzutauchen und die Figuren kennenzulernen“, erzählt Claudia Lukat, Projektleiterin von „Kinder beflügeln“.

Je zwei Gruppen zu zehn Kindern trafen sich zum Lesen an zwei Nachmittagen in der letzen Woche der großen Ferien. Da die recht verregnet waren, verabredeten sich die Kinder, Claudia Lukat und LesArt-Mitarbeiterinnen Kathrin Buchmann und Wiebke Mandalka nicht wie ursprünglich geplant auf einer großen Wiese, sondern in einem Raum in der ehemaligen Wäscherei. Das nasse Wetter tat der Lesefreude keinen Abbruch. Kein Wunder, wenn Zuhören nicht nur Stillsitzen heißt. Spielerisch lässt sich das Gelesene und Gehörte einfach besser verstehen. „Passend zum ‚Rübchen’-Märchen gab es Mohrrübenkuchen und wir haben zum Beispiel einen Tanz einstudiert, mit Knicks und allem drum und dran, wie es am Hofe damals üblich war“, erinnert sich Claudia Lukat.

Den Höhepunkt der Aktion jedoch bildete die Lesenacht vom 12. bis 13. August. Mit Taschenlampen ausgerüstet versammelten sich die aufgeregten Teilnehmer zum Abendessen im Mitarbeiterrestaurant des Johannesstifts. Doch bevor sie das Jugendhaus in Besitz nehmen und Ruhe in den Doppelstockbetten finden sollten, erging es ihnen ähnlich wie schon so manchem Müllers- oder Königssohn vor ihnen: Es galt, zuerst drei Rätsel zu lösen. Dann sollte sich ein mysteriöser Märchenbrunnen zeigen. Der Himmel wollte ganz offenbar zur geheimnisvollen Atmosphäre beitragen und öffnete pünktlich zu Beginn des Rätselsuchens mit einem ordentlichen Gewitter mit Blitz und Donner seine Pforten. „Da haben wir kurzerhand umdisponiert“, lacht Claudia Lukat: „Nachdem alle Kinder durch Wald und Wiesen, durch Schlamm und Moder nach den Hinweisen gesucht haben, die zum Brunnen führten, fanden sie ihn auch endlich. Nicht wie vorgesehen am Eingang der Kirche, sondern in meinem Wohnzimmer.“

Es war ein Brunnen wie aus dem Märchen-Bilderbuch, der dort auf die Kinder wartete. In seinem Inneren offenbarten sich all die Köstlichkeiten, die zu einem Kinder-Mitternachtspicknick gehören: Backerbsen als Reminiszenz an Aschenputtel, Kuchen wie bei Rotkäppchen, Marzipanrosen, allerdings anders als bei Dornröschen ohne Dornen oder essbare weiße Mäuse wie beim Gestiefelten Kater. Süßigkeiten naschen und dabei schön kuschelig das Märchen vom Froschkönig vorgelesen zu bekommen oder in der Bücherkiste zu lesen – für einen Jungen war das so schön, dass er seufzte: „Dieser Ort müsste heilig gesprochen werden.“ Und ein Mädchen fügte hinzu: „Ich möchte gar nicht, dass das irgendwann aufhört!“

Vorbei war die Nacht auch lange noch nicht. Zurück im Jugendhaus durfte jeder im Bett und im Schein seiner Taschenlampe schmökern, bis ihm die Augen zufielen und bis zum gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen von Prinzessinnen, Hexen oder Goldregen träumen.