28.05.2020

Ingeborg Dauß – Kinder haben immer und in jedem Fall ein Recht auf Bildung

Bildungschancen für Kinder waren Ingeborg Dauß eine Herzensangelegenheit. Sie selbst hatte nicht die Chance, Abitur zu machen und musste sich auf Umwegen um ihren Bildungsweg bemühen. Ein Schicksal, was sie anderen Kindern gerne ersparen wollte. Ihre Stiftung begleitet deswegen Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg zum Abitur, deren Eltern nicht die Möglichkeit haben, ihre Kinder ausreichend zu unterstützen. Die Ingeborg-Dauß Stiftung ist eine selbstständige Förderstiftung in der Verwaltung des Evangelischen Johannesstifts. Seit ihrer Gründung im Jahr 2010 wird die Arbeit der Stiftung von der Kampagne „Kinder beflügeln“ fachlich koordiniert.

Es war im Jahr 2010, als Ingeborg Dauß im Berliner Evangelischen Johannesstift Verbündete fand. Lange hatte sie nach Verbindungen gesucht, viel über Stiftungen gelernt und sich immer mehr auf das fokussiert, was ihr wichtig war. Für sie war klar, sie möchte jungen Menschen helfen, die motiviert, klug und engagiert sind, denen es aber an Förderung fehlt. Im Johannesstift fand sie Partner im Geiste und vor allem in der Umsetzung. Seitdem sind die Mentorinnen und Mentoren der Ingeborg-Dauß-Stiftung für Schülerinnen und Schüler da, damit sie ihr volles Potenzial auch unter schwierigen Startbedingungen ausschöpfen können.

Bei der Stiftungsgründung war Wolfgang Kern, der damalige Leiter des Stiftungszentrums im Johannesstift, maßgeblich beteiligt. Er weiß zu erzählen, dass Ingeborg Dauß seinerzeit sehr klare Vorstellungen hatte und eine intensive Konzeptarbeit nötig war, bis die vorhandene Infrastruktur mit den Wünschen der tatkräftigen Berlinerin zusammenpassten. Doch diese Arbeit war stimmig, meint Kern: “Menschen wie Frau Dauß haben in ihrem Leben unheimlich viel geleistet und wollen mit ihrer Lebensleistung aus Vermögen und der Summe an Erfahrungen eine Vision, die sie im Herzen tragen, auf Dauer verwirklichen. Das hat mich immer sehr berührt.”

Ingeborg Dauß kämpfte für ihre Vision

Glücklicherweise gab es mit der Kampagne “Kinder beflügeln” die Infrastruktur, die perfekt zu Ingeborg Dauß’ Vorstellungen passte. Und für die stand sie als Vorstandsmitglied bis kurz vor ihrem Tod immer ein. “Sie hat immer wieder gesagt: Herr Kern, legen Sie sich ins Zeug! Das war ihr Spruch”, erinnert sich Wolfgang Kern. “Sie hat sehr genau hingeschaut, weil sie sehr genau wusste, was sie wollte, ob es in ihrem Sinne ist.” Verständlich, sagt Wolfgang Kern in der Rückschau, es ging ja schließlich um einen Lebenstraum.

Was trieb eine Ingeborg Dauß zu diesem Engagement an? 1936 in Berlin geboren, wurde Ihr selbst der Weg zum Abitur in Nachkriegszeiten verwehrt. Das Geld reichte nicht für beide Kinder der Familie. Ihrem Bruder wurde die schulische Bildung ermöglicht, das Mädchen Ingeborg hingegen wurde Industriekauffrau. Doch sie hatte das Glück, auf einen Lehrer zu stoßen, der Ihr Potenzial, ihren Fleiß und auch ihre Zielstrebigkeit erkannte und förderte. Deswegen konnte sie ihre Lehre vorzeitig abschließen und war über den zweiten Bildungsweg mit 30 Jahren da, wo ihr Bruder auf direktem Weg hingekommen war. Ingeborg Dauß hat es –wie es so schön heißt – geschafft. Als eine von 80 Führungskräften eines internationalen Konzerns stand sie mit zwei anderen ihre Frau und konnte auf ein erfolgreiches Leben zurückblicken.

Das Mentorenprogramm der Ingeborg-Dauß-Stiftung spielt eine entscheidende Rolle im Leben der Schüler

Die ehemalige Stipendiatin Nur hatte den Mut im Juni 2019 am Grab von Ingeborg Dauß zu sprechen: “Von Frau Dauß können wir, denke ich mal, alle reinen Herzens behaupten, dass sie eine sehr großzügige, selbstlose Frau war. Sie war die großzügigste, die wir Stipendiaten je kennenlernen durften.” Auch Nur betonte das Ziel, Kinder und Jugendliche vollkommen unabhängig von deren Herkunft zu unterstützen. Und sie redete davon, dass Ingeborg Dauß zu Beginn den Kontakt zu den Stipendiat*innen gemieden hatte. “Ingeborg Dauß hatte zu große Angst vor einer emotionalen Bindung. Das veränderte sich aber nach dem ersten Treffen. Ihr Glück und ihr Stolz standen ihr später förmlich ins Gesicht geschrieben, als sie bemerkte, was aus uns zuvor kleinen, unerfahrenen Kindern für heranwachsende, vielversprechende Persönlichkeiten wurden, die eine große Zukunft vor sich haben.”

Nur lieferte in ihrem Nachruf auch Beispiele für Hilfen, die die Stiftung gewährt hatte. Kurz vorm Mittleren Schulabschluss hatte Ingeborg Dauß dafür gesorgt, dass alle Stipendiat*innen einen Laptop bekamen, um sich auf die Prüfung vorbereiten zu können. Und als sie erfuhr, dass einige Schüler*innen im Englisch-Leistungskurs Abitur machten, und somit sehr interessiert an der Sprache sein mussten, schlug sie eine Reise nach England vor. “Ihre Begeisterung, nachdem sie sah, wie toll wir diese Idee fanden, war groß und für uns unvergesslich.”

Ingeborg Dauß wollte Spuren hinterlassen und das ist ihr gelungen

In Wolfgang Kerns Garten stehen zwei Felsenbirnen, Pflanzen, die er von Ingeborg Dauß einmal geschenkt bekam und ihn immer an diese kluge, neugierige und herzensgute Frau erinnern werden, wie Kern sagt. Und die Dankbarkeit aus Sicht der Stipendiat*innen bringt Nur klar zum Ausdruck: “Sie ist in unseren Augen definitiv eine Heldin, die es verdient hat, in Gedanken und Erinnerungen weiter zu leben. Mag sein, dass sie körperlich nicht mehr unter uns ist. Dafür lebt sie aber in jedem Einzelnen von uns weiter, indem wir dank ihr geprägt wurden und somit eine große Zukunft haben, die zum großen Teil auch ihr Verdienst ist.”

Im Juni 2019 starb diese unternehmungslustige und tatkräftige Frau. Doch ihre Vision lebt in der Ingeborg-Dauß-Stiftung weiter und kann noch viele Kinder und Jugendliche beflügeln.

(Quelle: wirkhaus.berlin)