27.02.2020

Ist das noch Berlin? KulturPiloten entdecken Kultur und Geschichte in Berlin

Ein Projekt der Kampagne „Kinder beflügeln“ der Johannesstift Diakonie in Zusammenarbeit mit neun Berliner Brennpunktschulen aus verschiedenen Bezirken bringt Kindern Kultur nahe.

Für viele Kinder sind die Erlebnisse, die sie mit und durch die KulturPiloten machen, buchstäblich weltbewegend. „Ist das noch Berlin?“, fragt ein Kind der Charlie-Chaplin-Grundschule im Märkischen Viertel, als die Grundschülerinnen und -schüler der vierten Klassen aus dem U-Bahnhof Schönleinstraße an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln aussteigen. Heinke Castagne, die als Sozialarbeiterin von Albatros an dieser Grundschule arbeitet und die KulturPiloten mit ganzem Herzen unterstützt, bemerkt: „Es gibt Kinder, die kennen den Fernsehturm am Alexanderplatz nicht.“ So niederschwellig kann die Entdeckung von Kultur sein. Selbst die Nutzung des ÖPNV ist für viele Kinder eine neue Erfahrung.

Unterricht mal ganz anders – Lernen am Projekt

Bereits seit 2009 entdecken KulturPiloten die Stadt. Grundschülerinnen und -schüler aus Berliner Brennpunkten begeben sich ein halbes Schuljahr auf kleine Forschungsreisen und sehen ihre Heimatstadt mit neuen Augen. Immer dabei: erwachsene KulturPiloten. Ihre Aufgabe geht weit über eine reine Aufsicht der Kinder hinaus. Der Bildhauer Ronald Wozniak beispielsweise ist in diesem Jahr zum elften Mal dabei und betont: „Es muss klar sein, dass es sich um richtige Bildung handelt, also keine Freizeitausflüge sind. Die Kinder bereiten unsere Touren gemeinsam mit uns vor, organisieren sie weitgehend selbstständig und lernen die Stadt auf diese Weise sehr intensiv kennen.“ Die ausgewählten Kinder bereiten ihre Forschungsergebnisse für ihre Schulklassen auf und berichten, was sie entdeckt haben. Lernerfolg ist für die KulturPiloten also garantiert.

Die KulturPiloten – eine Chance für neue Weltsichten

Dass es sich nicht um schulfreie Zeit handelt, sehen die Kinder zum Teil anders. „Wir machen Ausflüge und die haben uns anvertraut, dass wir die Sachen nachholen“, sagt ein Mädchen aus der Eduard-Mörike-Grundschule in Neukölln. “Die” sind in diesem Fall die Lehrkräfte und “die Sachen” sind die versäumten Unterrichtsinhalte. Und ein anderes ergänzt: „Nur die Schlausten aus der Klasse dürfen bei den KulturPiloten mitmachen.“ Oder gibt es doch noch andere Kriterien? „Ja“, sagt die nächste. „Es geht nicht nur um gute Noten, sondern auch darum, wie wir uns benehmen.“ So wird die Auswahl aus Kindersicht getroffen.

Tatsächlich stehen dahinter die offiziellen Leitlinien von „Kinder beflügeln“, die eine sinnvolle und faire kulturelle Teilhabe ermöglichen sollen. „Wir versuchen mit dem Projekt KulturPiloten, Kinder aus der zweiten und dritten Reihe zu erreichen. Das sind zum Beispiel ruhigere Kinder, die im Schulalltag eher am Rand stehen, beobachten und wegen ihrer zurückhaltenden Art weniger Aufmerksamkeit bekommen“, sagt Stefan Leisner, Projektmanager von „Kinder beflügeln“.

Intensives Arbeiten in neun kleinen Teams

Ungefähr ein Mal pro Woche verpassen die ausgewählten Kinder aus den vierten und fünften Klassen den regulären Unterricht. Das sind in der Regel zwei bis vier Schülerinnen und Schüler pro Klasse. In Begleitung von Menschen aus den Bereichen Schauspiel, Gesang, Bildende Kunst, Geschichte oder Pädagogik werden Touren vorbereitet und unternommen, die den Kindern neue Horizonte eröffnen sollen. Es sind immer zwei Erwachsene mit acht bis zwölf Kinder-KulturPiloten unterwegs. Dieser Personalschlüssel ermöglicht intensive Gespräche zum Thema und den Aufbau persönlicher Bindungen. Stefan Leisner sagt aus der Erfahrung der vergangenen Jahre, „dass Projekte wie die KulturPiloten für viele Kinder ein Ticket in eine größere Welt sind. Sie eröffnen vielfältige Möglichkeiten, die sie in ihrer bisherigen Lebenswirklichkeit nicht wahrgenommen haben.“

Melpomene und ihre acht Schwestern

Jedes KulturPiloten-Team hat eine der neun Musen als Patin. Jede der neun Töchter des Zeus und der Mnemosyne steht als Inspiration für eine Kulturrichtung. Entsprechend ist das inhaltliche Spektrum weit gefächert: Da werden mit Melpomene Kunstwerke aus Müll hergestellt und mit Euterpe Touren ins Atze Musiktheater und eine Glücksausstellung im Alten Museum besucht, um nur drei Beispiele zu nennen. “Durch die Konzepte unserer speziellen Bildungserlebnisse vermitteln wir Wissen und Erfahrungen hautnah, praxisbezogen und kreativ“, ergänzt Leisner.

Anton macht's klar im GRIPS Theater

Der Auftakt der aktuellen KulturPiloten-Staffel fand am 12. Februar 2020 traditionell im GRIPS Theater statt. Hier haben sich die Kinder- und die erwachsenen KulturPiloten zum großen Teil erstmals getroffen und die ersten Pläne geschmiedet. Das Stück „Anton macht's klar“ diente für die 90 teilnehmenden Kinder als Einstimmung für die kommenden Monate. Tatendrang, Freude und Neugierde waren in den Kindergesichtern zu erkennen und auch die Erwachsenen freuten sich darüber, wie schnell sich die Teams zusammengefunden haben.

KulturPiloten auf der Suche nach dem Glück

In der aktuellen Staffel werden die KulturPiloten nach dem Glück forschen. Sie werden Antworten suchen auf Fragen wie, “Bin ich glücklich?”, “Was ist Glück überhaupt?” und “Gibt es Glücksorte?”
Die KulturPiloten bewegen: Sie halten die Erwachsenen offen und neugierig für die Impulse der Kinder und umgekehrt entdecken die Kinder Orte, Gedanken, Möglichkeiten, die sich ihnen sonst vielleicht nie eröffnet hätten. „Ich fühle mich immer noch wie ein verwöhntes Kind!“, sagt ein Mädchen aus der Charlie-Chaplin-Grundschule. Wenn sie das Wort „verwöhnt“ mit dem Wort „beflügelt“ ersetzt, ist das Ziel von „Kinder beflügeln“ absolut erreicht. Glück gehabt!

Quelle: wirkhaus.berlin