10.02.2021

Auf dem Tandem zum Abitur

Vivien Vannier und Manuela Marin

Die Ingeborg Dauß Stiftung macht’s möglich. Ingeborg Dauß hat ihr Vermögen und ihr Engagement zur Verfügung gestellt, um Kindern zu helfen, den Weg zum Abitur zu meistern, die von zu Hause aus nicht genug Unterstützung erfahren. Daraus ist 2010 im Evangelischen Johannesstift in Spandau gemeinsam mit Ingeborg Dauß die Idee entstanden, Tandems aus Mentor*innen und Stipendiat*innen zu bilden, um die Bildungschancen von Kindern zu erhöhen.

Diese Schülerstipendien starten aktuell mit Kindern aus den sechsten Klassen. Im besten Fall bestehen die Tandems dann bis zu neun Jahre. Vivien Vannier und Manuela Marin sind eines der ersten Tandems und die beiden haben die vergangenen sieben Jahre auf dieser Basis gemeinsam verbracht.

Durch eine Anzeige im Tagesspiegel wurde Manuela Marin auf dieses ehrenamtliche Engagement aufmerksam und hat sich beworben. Zur gleichen Zeit waren die „KulturPiloten“ von der Kampagne „Kinder beflügeln“ in Viviens damaliger Grundschule. Die “KulturPiloten” sind, wie auch die Ingeborg Dauß Stiftung, unter dem Dach der Johannesstift Diakonie angesiedelt und bieten Schüler*innen die Möglichkeit, einen Blick über den Tellerrand zu werfen und ihren Horizont in Sachen Geschichte, Stadtleben und Kultur zu erweitern. Viviens damaliger Klassenlehrer sprach die Empfehlung für die Stipendiatin aus und so konnte die gemeinsame Tandemtour losgehen.

Das erste Treffen: Schwein gehabt!

Vivien erinnert sich an ihr erstes Treffen auf der Grünen Woche. Gemeinsam mit ihrer Mutter traf sie dort auf Manuela Marin. Der Messebesuch war sogleich das erste durch das Stipendium ermöglichte Erlebnis. Vivien weiß noch, dass sie aufgeregt war und eingeschüchtert. Und Manuela Marin hat noch das niedliche kleine Mädchen im Sinn. Sympathisch war sich das zukünftige Tandem von Beginn an.

Eine Begegnung tierischer Art lässt die beiden heute noch schmunzeln. In der Tierhalle hatte eines der Schweine Viviens Pullover derartig zum Fressen gern, dass es - hätte man es gelassen - das Kleidungsstück wohl ganz vertilgt hätte. Im Nachhinein erwies sich das gefräßige Borstenvieh als echter Glücksbringer. Denn von nun an unternahmen Vivien und Manula Marin mindestens einmal im Monat etwas zusammen und Vivien lernte viele Dinge kennen, die für sie neu waren. Aber auch Mentorin Marin ließ sich von Vivien einen Teil ihrer Welt zeigen, indem sie sie beispielsweise in der Schule besuchte.

Tischtennis im Park oder Konzert in der Philharmonie – alles ist möglich

Manuela Marin ist kulturell sehr interessiert. Sie liebt vor allem Musik und ist sehr froh, dass sie Vivien auch auf diesem Gebiet zu Eindrücken verhelfen konnte, die ihr sonst wahrscheinlich verwehrt geblieben wären: „Viviens Entwicklung zu sehen, war für mich immer klasse. Und aus meiner Sicht hat sie eine sehr gute Entwicklung genommen. Das ist sicherlich nur zu einem kleinen Prozentsatz mein Verdienst, aber ich durfte daran teilhaben.“

Aus dem damals kleinen, niedlichen Mädchen ist mittlerweile eine junge, vielseitig interessierte Frau geworden, die in diesem Sommer in die elfte Klasse kommt. Viele gemeinsamen Aktivitäten liegen hinter ihnen. Außer Konzerten besuchten die beiden Museen, Gartenausstellungen oder Veranstaltungen wie zum Beispiel im Friedrichstadtpalast. In Zeiten von Corona war so etwas leider nicht möglich. Macht nichts, dachten sie sich. „Dann gehen wir eben Tischtennis spielen und haben trotzdem über Telefonate und Videocalls auch persönlich Zeit miteinander.” Vivien ist dankbar für die Möglichkeiten, die ihr das Stipendium bietet: „Für mich ist das Tandem eine gute Unterstützung und vor allem eine Bereicherung. Ich lerne viel und erlebe so viel, was ich sonst wahrscheinlich nicht erleben würde.“

Sprachreisen nach Malta und England sowie innerhalb Deutschlands

Teil des Stipendiums ist nicht nur die Zeit zwischen Mentor*innen und Stipendiat*innen, sondern auch die regelmäßigen Treffen mit den anderen Tandems. Für Vivien eine Herausforderung, weil die anderen Schüler*innen zwei Jahre älter sind als sie. Sie hat im Laufe der Zeit das nötige Selbstbewusstsein gewonnen, sich auch dort zu äußern, trotz des Altersunterschieds. Demnächst beginnen neue Stipendien und Vivien freut sich darauf, nicht mehr die Jüngste zu sein.

Durch die Ingeborg Dauß Stiftung konnte sie bereits an drei Sprachreisen teilnehmen. Die erste Reise ging ins Land Brandenburg zu einem Intensiv-Englisch-Training. 2017 ging’s nach Malta, selbstverständlich ebenfalls zu einem Sprachkurs und auch im englischen Urlaubsort Brighton konnte sie ihre Englischkenntnisse erweitern. Dort haben die Stipendiat*innen gemeinsam ein College besucht. Manuela Marin betont fast stolz, dass Vivien sehr gut in der Schule sei. „Wenn sie mal Hilfe brauchte, konnte sie sich sehr gut selbst organisieren. Ansonsten wäre die Stiftung auch an dieser Stelle mit Schülerhilfe eingesprungen.“

Gemeinsam durch Motivationstiefs

Viviens Art vom Stipendium zu berichten ist offen, reflektiert und ehrlich. Und so gesteht sie, auch Tiefphasen gehabt zu haben. In der achten Klasse hatte sie eigentlich gar keine Lust mehr auf Schule. Manuela Marins Reaktion darauf ist ausgesprochen verständnisvoll: „Ich habe auch manchmal keine Lust auf meine Arbeit. Oder gar auf den Haushalt. Das ist doch klar!“ Und mittlerweile steht für Vivien auch fest, dass sie auf jeden Fall bis zum Abitur durchhalten wird. Was sie danach machen möchte, weiß sie noch nicht: „Das ändert sich ziemlich oft bei mir. Gerade interessiere ich mich für eine Arbeit im Tierschutz. Den Gedanken hatte ich schon öfter. Aber mal sehen. Nach dem Abi mache ich entweder erst mal eine Pause oder ein Freiwilliges Soziales Jahr.“

Viviens alleinerziehende Mutter ist froh, dass Vivien über die Ingeborg Dauß Stiftung Unterstützung erfährt. Sie hatte durch ihre Berufstätigkeit oft nicht so viel Zeit für Vivien, wie es sich beide gewünscht hätten. Und so passt diese Familie genau in Ingeborg Dauß‘ Konzept. Im Juni 2019 starb die Stifterin. „Schade“, sagt Manuela Marin, „ich glaube, wenn Frau Dauß uns sehen könnte, würde sie sagen: Genau so habe ich mir das vorgestellt!“ Und Vivien bedauert, dass sie nicht mehr Kontakt zu Frau Dauß hatte: „Es ist schön, dass sie ihr Vermögen gespendet hat, um Kindern die Möglichkeit zu geben, erfolgreich zu werden oder etwas auf die Beine zu stellen. Die wenigsten sind so spendabel, weil es sich ja bei den meisten ums Geld dreht. Ich hätte mich gerne bei ihr persönlich bedankt.”