Neuauflage eines Festes der Lebensfreude

 

Über 800 Menschen rollten, liefen, walkten beim 3. Run of Spirit

 

Der diesjährige "Run of Spirit" des Evangelischen Johannesstifts in Berlin ist Geschichte. Zum dritten Mal war er ein großes Familien- und Volksfest, unkonventioneller Beweis, dass Jung und Alt, Berliner, in- und ausländische Gäste, an Körper und Geist Gesunde und Versehrte einander harmonisch und mit Freude begegnen können. "Spaß haben" war eine der häufigsten Wendungen, die an diesem Pfingstmontag aus den Lautsprechern auf dem Stiftsgelände drangen. Nicht um Zeiten und Platzierungen ging es, Teilnahme und Spaß waren entscheidend. So waren die Laufstrecke, Cafés, Spielplätze und die Festwiese neben der Kirche mit ihren Informations- und Beköstigungsständen von Sportlern, Rollstuhlfahrern, Ausflüglern mit Rädern und Spandauer Nachbarn gleichermaßen frequentiert.

Wie in den beiden Jahren zuvor wurden die Läufe in den verschiedenen Kategorien im Anschluss an einen Gottesdienst und die Begrüßung durch Stiftsvorsteher Martin von Essen und prominente Gäste gestartet. Einer der "VIP´s", inzwischen lieber Freund, war der blinde Läufer, Weltrekordler und Olympiasieger Henry Wanyoike aus Kenia. Er startet hier, um ein Zeichen der Verständigung zu setzen, behinderten Menschen Mut zu machen, soweit wie möglich selbst mobil zu werden oder zu bleiben und durch sein eigenes Vorbild zu zeigen, was möglich ist. Als Henry Wanyoike vor drei Jahren erstmals an den Start ging, sollte durch Spenden aus dem Run seine Idee eines "House of Hope" für Behinderte in Kenia unterstützt werden. Das Haus ist inzwischen fast fertig. Auch diesmal startete er mit Guide Lennart Sponar über die 10.000 Meter Distanz und auch diesmal wird Henry Spenden mit auf seinen Rückweg nehmen können.
Erstmals dabei, von Aktiven und Gästen überaus herzlich empfangen und den ganzen Tag mit Fragen und Autogrammwünschen umlagert, war die vielfache deutsche Paralympicsiegerin, Welt- und Europameisterin Marianne Buggenhagen. Ihr Konterfei schmückt eine Seite der Medaillen 2011 für die Starter. "Ich muss mal wieder zum Friseur" und ein erfrischendes Lachen war ihr Kommentar nach der Sichtung der Metallplaketten.

 

 

Fast pünktlich begann der erste Lauf über 400 Meter für die Jüngsten. Bei einem Event wie diesem, an dem zwei Organisatoren - für die sportliche Seite "die Laufpartner Berlin" mit Scholz und für die begleitende Veranstaltung das Johannesstift - Hand in Hand arbeiten müssen, geht Natur gemäß nicht alles nach Plan: Der bewährte Radiomoderator fiel kurzfristig aus. Kollege Johannes Hoch erwies sich als sympathischer, spritziger und gut informierter Ersatzmann, der die Aktiven motivierte, Einfühlungsvermögen bewies, jede Menge Infos an das Publikum brachte und kurze, gute Interviews führte. Das Eintreffen des Ehrenpräsidenten des Landessportbundes Berlin und Schirmherrn der Veranstaltung, Peter Hanisch, verzögerte sich, manche Läufer brauchten länger als geplant auf der Strecke, so dass sich die nachfolgenden Starts verschoben. Einige Gewinner waren zur Siegerehrung nicht mehr auf dem Platz - das alles war unerheblich und trübte den Eindruck eines rundum gelungenen Tages nicht. Das erste Finish, das die Zuschauer frenetisch mit anfeuernden Rufen und Beifall begleiteten, war der 1000-Meter-Lauf der Schüler. Paula und Janne mobilisierten ungeahnte Kraftreserven und lieferten sich ein packendes Duell, das das Mädchen zu ihren Gunsten entschied. Schwester Gerda war mächtig stolz: "Schön, dass wir mitgemacht haben. Ich freu` mich über die tolle Medaille – und dass Paula gewonnen hat".

 

 

Auch die folgenden Wettbewerbe hatten ihre Sieger, selbst wenn diese nicht als Erste über die Ziellinie liefen. Der barrierearme Lauf verzeichnete so viele Meldungen, dass in zwei Gruppen gestartet wurde. Rollifahrer, Handybiker, Läufer und Geher mit und ohne Assistenz – hier gab es das wohl bunteste Feld an Startern. Mit dabei auch Lothar Bänsch (56), der ein solcher Sieger und Publikumsliebling vieler ist. Gut gelaunt begab er sich wie in den beiden Vorjahren auf die Strecke. Ein Vorrat an Würstchen um den Hals, seinen Bruder mit der Getränkeflasche neben sich, meisterte der Mann mit dem geschienten Bein die zwei Kilometer. Er war der letzte seines Laufs und wurde am Ziel wie der Champion beklatscht und fotografiert. Vor vier Jahren bekam der Mecklenburger Sturkopf es von seiner Krankenkasse schriftlich, dass seine Mobilität nach einem Schlaganfall nicht mehr herstellbar sei, Rehamaßnahmen aussichtslos wären. Er nahm es mit Hilfe seiner Wohngruppe NAVIS, engagierten Mitarbeitern und Therapeuten in die Hand: Beim ersten Run trat er mit Vierpunktstock an und ging unendlich mühsam die Strecke in gut zweieinhalb Stunden. Mit eisernem Willen und Training gelang ihm das Kunststück im letzten Jahr mit einfachem Stock in 78 Minuten. Diesmal war er ohne Stock nach knapp 50 Minuten im Ziel. Großartig. Zum Start der "Königsdisziplin" mit Henry Wanoyike und Lennart Sponar säumten die Besucher nochmals die Strecke. Die beiden kamen nach Vorjahressieger Benjamin Lindner als zweite ins Ziel. Bei allen Läufen waren Starter einer polnischen Behinderteneinrichtung bei Posen mit dabei, die im kommenden Jahr eine ähnliche Veranstaltung planen.

Das Berliner Unternehmen Contag beteiligte sich mit 28 Mitarbeitern und Familienmitgliedern am Run. Anschließend spendete der Geschäftsführer 3000 Euro für den Behindertensport in Spandau. Die begeisterte Marianne Buggenhagen verglich die Stimmung beim "Run of Spirit" mit der beim Berlin-Marathon, "nur dass es hier ganz viele Menschen gibt, die heute total glücklich zu Bett gehen". Die Lauf- und Walkinggruppen, die sich im Johannesstift in den Jahren zusammen gefunden haben, werden weiter trainieren. Vielleicht gibt es ja ein Wiedersehen beim einem vierten "Run of Spirit".

 

Andrea v. Fournier