Die Geschichte von Anneliese B.

Die Geschichte von Anneliese B.: die perfekte Gastgeberin

Als junges Mädchen arbeitete Frau B. beim Grafen Carl-Hans von Hardenberg und seiner Familie in Neuhardenberg. Sie erinnerte sich noch genau an diese Zeit, an die schönen und schlimmen Geschehnisse. Später lebte Frau B. mit ihrer Mutter in Ost-Berlin. Ihr Bruder war auf See und in der ganzen Welt unterwegs. Kurz vor dem Mauerbau entschloss sie sich mit ihrer Mutter zu fliehen. Sie nähte wichtigste Dokumente, Zeugnisse und Abschlüsse in ihrem Mantel ein, sonst nahm sie nichts mit, kein Koffer, keine Erinnerung. Sie stieg mit ihrer Mutter in den Zug und kam unversehrt in West-Berlin an.

Im neuen Leben angekommen arbeitete sie als Hauswirtschaftslehrerin im Letteverein. Dort unterrichtete sie sie auch Mädchen, die in den Jugendhilfeeinrichtungen des Johannesstifts untergebracht waren. Da sie eine sehr interessierte Frau war, besuchte sie mit ihrem Kollegium das Johannesstift, um sich vor Ort einen Eindruck unserer vielfältigen Arbeit zu verschaffen. Als ihr Lebensgefährte im Jahr 2004 verstarb, gab sie die Kleidung in unseren Second-Hand-Laden „Fundgrube“. Sie war beeindruckt von der Zuverlässigkeit und Freundlichkeit der Mitarbeiter, die die Kleidung aus der Wohnung abholten und später auch die Wohnung besenrein räumten. Im Jahr 2005 nahm sie telefonisch Kontakt zum Freundeskreis auf,  da sie mit dem Gedanken spielte, das Johannesstift über ihren Tod hinaus zu unterstützen.

Nach einem persönlichen Kennenlernen in ihrer Wohnung entschied sie sich relativ schnell, ein Testament zu Gunsten des Johannesstifts zu schreiben. Es entwickelte sich eine freundschaftliche Beziehung zwischen den Mitarbeitern des Freundeskreises und Frau B..  Sie besuchte unsere Feste und Veranstaltungen und nahm sehr interessiert, aber auch kritisch, Anteil an der Entwicklung unserer Arbeit. Ihre Eindrücke und Rückmeldungen waren uns sehr wichtig.

Die Besuche bei Frau B. in ihrem Haus in Buckow waren für uns immer etwas ganz Besonderes. Frau B. war eine äußerst großzügige Gastgeberin, für die es selbstverständlich war, den Aufenthalt  bei ihr so angenehm wie möglich zu gestalten.  Nachdem Frau B. mit zunehmendem Alter nicht mehr ins Johannesstift kommen konnte, waren wir regelmäßig bei ihr und hielten sie über unsere Arbeit  auf dem Laufenden, auch in Form von Fotos und kleinen Videos.

Frau B. war es vergönnt, bis zu ihrem Lebensende in ihrem Haus zu wohnen. Durch ihre freundliche und zugewandte Art, war sie eingebettet in ein Umfeld, in dem die unmittelbaren Nachbarn auf sie achteten und ihr halfen, wo sie konnten.

Frau B. hatte alles genauestens geregelt: den Ablauf des Trauergottesdienstes, die Beisetzung sowie die Bewirtung der Trauergäste in einem Restaurant, das sie vorher ausgewählt hatte, und in dem sie zu Lebzeiten Stammgast war.