Ein besonderes Gemeinwesen - das traditionelle Stiftsgelände

Ein besonderes Gemeinwesen

Die Randlage des Evangelischen Johannesstifts hat über Jahrzehnte hinweg die Wahrnehmung der diakonischen Einrichtung geprägt. Manchmal verbinden Menschen von außerhalb damit eine Anstalt, wahlweise ein Seniorenzentrum oder ein Heim, bisweilen ein Krankenhaus oder ein Schulgelände. Sämtliche Einrichtungen gibt es zwar auf dem Gelände, aber daneben existieren eben auch 110 Mietwohnungen, die frei vermietet sind. Geschäfte und Einrichtungen sorgen für eine kiezähnliche Infrastruktur. Alles in allem ist vieles hier normaler, als es von außen erscheinen mag. Heute sprechen wir von einem Gemeinwesen mit einer ganz besonderen sozialen Prägung des Miteinanders von Menschen mit und ohne Hilfebedarf.

Menschen, die zum ersten Mal das Stiftsgelände betreten, sind überrascht von der Größe und der Schönheit. Beeindruckend ist die Zentralperspektive auf die Stiftskirche inmitten der Platanenallee, aber auch die Mischung von Normalität mit erlebbaren diakonischen Arbeitsfeldern, die beispielsweise durch eine Vielzahl von Menschen in Rollstühlen, von älteren Menschen, aber auch von Schülerinnen und Schülern vermittelt wird.

Auf dem Gelände kann man also sehen und erleben, wofür das Evangelische Johannesstift steht und welche Werte es leiten: nämlich Menschen zu begleiten und das im Auftrag christlicher Nächstenliebe.

Die Sicht auf vergleichbare Anlagen und Institutionen wie das Stiftsgelände hat sich vor Jahren deutlich verändert. Die Gründe sind vielfältig. Die Dezentralisierung sozialer Hilfen ist bestimmend. Je nach Bereich – Altenhilfe, Jugendhilfe oder Behindertenhilfe – hat dies eigene Logiken. Bei der Jugendhilfe geht es schon seit Mitte der 1990 Jahre darum, Erziehungswohngruppen in ein normales Wohnumfeld zu integrieren. Die Betreuung älterer Menschen orientiert sich mehr und mehr am Kiez und setzt auf kurze Wege in der Nachbarschaft. So sollen gewachsene Beziehungen erhalten bleiben und ältere Menschen in ihrer gewohnten Umgebung leben können. In der Behindertenhilfe wird die ambulante Wohnform der stationären vorgezogen und politisch unterstützt. Zentral sind die Gedanken von Selbstbestimmung, Inklusion und Teilhabe.

2008 gab es nach jahrelangen Verhandlungen die Möglichkeit, das Stiftsgelände um etliche Hektar baulich zu erweitern. Dies gab den entscheidenden Impuls, neu darüber nachzudenken, welche Entwicklung das Stiftsgelände nehmen soll. Aspekte der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen und oben genannte Trends ergänzten diese Überlegungen. Mit der Behindertenrechtskonvention wird Behinderung nicht länger primär unter medizinischen oder sozialen Blickwinkeln betrachtet, sondern ist als Menschenrechtsthema anerkannt worden. Damit verbunden ist ein grundlegender Perspektivwechsel. Aus Wohlfahrt und Fürsorge wird Selbstbestimmung. Menschen mit Behinderungen sind Subjekte und keine Objekte. Patientinnen und Patienten sind Bürgerinnen und Bürger. Hilfe wird nicht für Menschen über deren Köpfe hinweg organisiert, sondern mit Betroffenen und Angehörigen gestaltet.

Dahinter verbirgt sich ein Menschenbild, das für die Arbeit des Evangelischen Johannesstifts prägend ist. Es geht um die tiefe Überzeugung, dass die Liebe Gottes allen Menschen gilt. Daraus leiten sich Respekt und Achtung des Menschen in seiner Einzigartigkeit ab. Deshalb darf niemand ausgegrenzt werden. Im Gegenteil: Selbstbestimmte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft ist zu ermöglichen. Wirksame Hilfe muss sich daran orientieren. Sie geschieht auf Augenhöhe.

Dezentralisierung sowie die genannten Aspekte von Teilhabe und Inklusion bedingen, dass weitere notwendige Angebote für Menschen mit Hilfebedarf auf dem Stiftsgelände nur dann verantwortet werden können, wenn das Gelände durch seine Infrastruktur Selbstbestimmung weiter fördert und Integration und Öffnung in den Vordergrund stellt.

Was für das Stiftsgelände gilt, gilt in übertragenem Sinne auch für den Unternehmensverbund Evangelisches Johannesstift insgesamt, der in fünf Bundesländern mit Angeboten vertreten ist. Teilhabe bedeutet, dafür einzutreten, dass Menschen in unserer Gesellschaft nicht ausgegrenzt werden. Der Gedanke der Öffnung bedeutet Verantwortung für den Bezirk Spandau, für Berlin, ja im weitesten Sinne für die Gesellschaft wahrzunehmen, überall da, wo das Evangelische Johannesstift aktiv ist. Dies braucht Partner, Kooperationen und Netzwerke. „Wir denken vernetzt und suchen Partner, um gemeinsam eine menschliche Zukunft zu gestalten“, heißt es im Abschluss des Stiftungsleitbildes. Das Evangelische Johannesstift will sich den Herausforderungen der Zukunft stellen. Die Prognos Studie Berlin 2030 nennt Themen, die auch im Evangelischen Johannesstift auf der Agenda stehen: Demografischer Wandel, Bildung und Integration sind im Blick, und es gibt jetzt schon Angebote und Konzepte, die diese Themen aufnehmen. Kiezbezogene Pflegezentren, Bildungsangebote für benachteiligte Schülerinnen und Schüler, Ausbildungsangebote und Qualifizierungsmaßnahmen zum Erlernen sozialer Berufe, um dem Fachkräftemangel vorzubeugen, sowie die Angebote des interreligiösen Dialogs und der interkulturellen Verständigung – das alles lässt sich in den Arbeitsfeldern der Stiftung finden.