Vom Zimmermann zum Diakon – einfach folgerichtig?!

Wenn Kai Borgwardt anderen erzählt, was sein Berufswunsch ist, stößt er überwiegend auf Fragezeichen in den Gesichtern. „Die meisten wissen nicht, was ein Diakon ist und macht. Dann sage ich vereinfacht, dass das ein Sozialarbeiter auf kirchlicher Ebene ist“, erzählt Borgwardt. Für Volker Manderscheidt ist es unwichtig, was der 28-Jährige ist. Für ihn zählt nur, dass Borgwardt für ihn da ist; dass er ihn morgens betreut, anzieht und ihm Frühstück macht, damit er pünktlich um acht Uhr seine Arbeit in den Stephanus-Werkstätten beginnen kann. Volker Manderscheidt lebt bei Nebo, einem Wohnangebot für Menschen mit Behinderungen. „Kai, Du bist mein Spatzel“, sagt Volker Manderscheidt und hakt sich vertrauensvoll bei ihm ein. In kleinen Tippelschritten geht er Seite an Seite mit Borgwardt den langen Flur entlang auf sein Zimmer zu. Borgwardts Spätdienst hat begonnen, während für Volker Manderscheidt ein weiterer Arbeitstag vorüber ist. „Dann erzählt mir Volker, wie sein Tag war, was er erlebt hat. Ich mache ihn fertig für die Nacht und wir lesen noch ein Abendgebet“, sagt Borgwardt.ZimmermannDiakon-1.jpg

Seit sieben Jahren arbeitet der Diakon bereits bei Nebo und das, obwohl er eigentlich nie in der Behindertenhilfe arbeiten wollte. „Ich hatte überhaupt keinen Zugang dazu“, sagt Borgwardt, den die Arbeit bei Nebo in seiner persönlichen Entwicklung positiv geprägt hat. „Für mich ist die Arbeit mit den Menschen bei Nebo wirkliche Diakonie. Denn die Menschen dort brauchen einfach deine Unterstützung. Ich sehe die Frauen und Männer bei Nebo nicht als ‚behinderte Menschen‘, es sind Menschen wie du und ich, die eine andere Form von Unterstützung brauchen als ich. Wer oft noch behindert, ist eher die Gesellschaft“, erzählt der 28-Jährige, der auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn er mit Bewohnern unterwegs ist, angestarrt wird. „Wenn ich diese starren Blicke unterwegs bemerke, lenke ich die Bewohner ab und mache irgendeinen Spaß. Ich wünsche mir, dass sich insbesondere die Sichtweise anderer junger Menschen gegenüber Menschen mit Behinderungen verändert, auch wenn sie sehen, wie ich als junger Mensch einen ganz unbefangenen Umgang mit den Bewohnern habe“, sagt Borgwardt.

Mit 16 beginnt Borgwardt eine Zimmermannausbildung in seiner Heimatstadt Schwerin, mit 19 Jahren schließt er sie ab und ist arbeitslos. Auf dem Bau will er nicht arbeiten: „Da habe ich richtige Arschlochmenschen kennengelernt. Das wollte ich nicht auf Dauer haben.“ Während seiner Arbeitslosigkeit beginnt er, mit Jugendlichen zu arbeiten, darauf hat er Lust. Bei einem diakonischen Träger, wo er auch seine Gruppenleiterausbildung macht. „Dort habe ich zum ersten Mal Diakone kennengelernt und mit ihnen zusammengearbeitet. Und mit Glauben wurde ich dort auch konfrontiert. Die Arbeit hat mir so viel gegeben. Ich wollte weiter mit Menschen arbeiten und eine Ausbildung in dem Bereich machen. Einer der Diakone erzählte mir dann von der Ausbildung zum Diakon am Wichern-Kolleg in Berlin“, sagt Borgwardt.

Das Interesse an der sozialen Arbeit sowie der Wunsch, sich stärker mit dem Glauben auseinanderzusetzen, führen ihn zu Bewerbungsgesprächen am Wichern-Kolleg, der Ausbildungsstätte für Diakoninnen und Diakone. Eltern und Freunde reden ihm ins Gewissen, dass er sich gut überlegen solle, ob er das wirklich machen will. Borgwardt überlegt und entscheidet: Im August 2008 startet der nun 20-Jährige mit seiner Ausbildung zum Diakon. Bestandteil seines Studiums ist die Fachausbildung, die er zum Erzieher an den Sozialen Fachschulen im Evangelischen Johannesstift macht. Mit 22 Jahren lässt er sich im Johannesstift taufen. Mit 23 Jahren ist er staatlich geprüfter Erzieher. Das Hauptstudium naht und Borgwardt bekommt Angst – Angst nicht mitzukommen, Angst, die Inhalte nicht zu verstehen. Fast 90 Prozent der anderen Studierenden haben einen christlichen Hintergrund. Ich komme nicht aus einem christlich geprägten Elternhaus und hatte mit Glauben gar nichts am Hut.“

ZimmermannDiakon-2.jpgEr bittet den Leiter des Wichern-Kollegs, ein Jahr pausieren zu dürfen. Auch um Abstand zu seiner Erzieherausbildung zu bekommen. Überhaupt um Abstand zu bekommen und um sich zu sortieren. „Mein Berufsziel war es nach wie vor, Diakon zu werden“, erzählt Borgwardt, der sich in seiner Pause wieder mehr seinen Hobbies, wie dem Singen in seiner Band, dem Fußballspielen, einigen Zimmermannsarbeiten für Freunde, und seiner Arbeit bei Nebo widmet.

2013 nimmt er mit 25 Jahren das Hauptstudium auf. Die Angst, vielleicht nicht mitzukommen ist noch da, aber er hat einen Umgang damit für sich gefunden. „Die Gemeinschaft, die wir im Haus der Schwestern und Brüder (Ausbildungsstätte für Diakoninnen und Diakone) haben, ist wirklich etwas Besonders. Es ist wie eine kleine Familie, wir sind mit den Lehrern per du, haben einen toleranten Umgang miteinander und durch das Zusammenwohnen im Vorstudium entwickelt sich deine Persönlichkeit auch hinsichtlich Gelassenheit weiter“,  sagt Borgwardt. Im März 2015 wurde Kai Borgwardt zum Diakon eingesegnet. Er sagt: „Ich glaube, dass ich eigentlich schon immer an irgendetwas geglaubt habe, aber jetzt bin ich auf dem Weg zum Glauben an Gott“.

Ausbildung zur Diakonin und zum Diakon im Evangelischen Johannesstift

Seit der Gründung des Evangelischen Johannesstifts im Jahr 1858 durch Johann Hinrich Wichern ist die Ausbildung zur Diakonin/ zum Diakon Satzungsauftrag und „ein bleibender Zweck" der Stiftung. Diakoninnen und Diakone arbeiten in allen sozialdiakonischen Feldern des Johannesstifts und deutschlandweit in sozialen und diakonischen Institutionen. Derzeitig arbeiten im Johannesstift rund 70 Diakoninnen und Diakone, die im Wichern-Kolleg ihre Ausbildung absolviert haben. Aktuell besuchen 70 Frauen und Männer die Ausbildung zur Diakonin/zum Diakon am Wichern-Kolleg in den verschiedenen Ausbildungsgängen und -abschnitten. Die Ausbildungsstatte für Diakoninnen und Diakone, das Wichern- Kolleg, ist eine staatlich anerkannte Ergänzungsschule mit einem grundständigen und einem berufsbegleitenden Kurs. Die grundständige Ausbildung ist additiv aufgebaut und gliedert sich in die drei Ausbildungsabschnitte Diakonisch-Praktisches Vorstudium, Fachausbildung in einem staatlich anerkannten Sozial- oder Pflegeberuf und diakonischtheologisches Hauptstudium. Das Haus der Schwestern und Brüder ist Mittelpunkt des Internatsbereichs des Diakonischen Bildungszentrums. In weiteren Wohnformen leben ca. 55 Studierende auf dem Gelände des Evangelischen Johannesstifts. „Lasst uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit“. Dieser Satz aus dem 1. Johannesbrief wurde dem Johannesstift von seinem Gründer Johann Hinrich Wichern mit auf den Weg gegeben. Das Johannesstift hatte die Aufgabe, als Bruderhaus junge Menschen zu sammeln und für den Dienst am Menschen vorzubereiten. Sehr schnell entwickelten sich im Evangelischen Johannesstift viele diakonische Arbeitsfelder. Die Ausbildung von Diakoninnen und Diakonen fand und findet auch heute noch mittendrin statt.

Das Wichern-Kolleg bildet nach den Richtlinien der UEK (Union Evangelischer Kirchen) im Auftrag der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) aus. Es ist die einzige Ausbildungsstätte für Diakoninnen und Diakone in Berlin-Brandenburg.

Weitere Informationen zur Ausbildung zum Diakon/ zur Diakonin finden Sie hier